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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 19, pp 34–34 | Cite as

Machen PPI jetzt auch noch allergisch?

  • H. S. Füeßl
FORTBILDUNG . KRITISCH GELESEN
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Hinter der Säuresuppression mit Protonenpumpeninhibitoren (PPI), für viele Patienten ein Segen, stehen immer mehr Fragezeichen. Nun deckt eine Registerstudie eine Verbindung zur Antiallergika-Verordnung auf.

Prof. Dr. med. H. S. Füeßl Internist, München

Hat sie Säureblocker genommen?

© Wavebreakmedia / Getty Images / iStock

_ Analysiert wurden die Daten von 8,2 Millionen gesetzlich Krankenversicherten aus Österreich — insgesamt 97% der Bevölkerung. Für die Jahre 2009–2013 erfasste man alle erstmaligen Verordnungen eines Antiallergikums. Im zweiten Schritt wurde ermittelt, ob in dem Zeitraum davor — insgesamt 39,1 Millionen Personenjahre — säuresupprimierende Medikamente verordnet worden waren. Das mediane Alter der Versicherten lag bei 42,2 Jahren, 48,7% waren männlichen Geschlechts.

416.615 der erstmals antiallergisch behandelten Patienten hatten in 8,1 Millionen vorausgegangen Personenjahren einen Säurehemmer erhalten. 810.990 hatten in 31 Millionen Jahren keinen erhalten. Daraus ergab sich für die erstmaligen Verordnung eines Antiallergikums eine jährliche Rate von 5,12% mit und von 2,61% ohne Antazidtherapie. Der Häufigkeitsquotient lag somit bei 1,96.

Der Effekt zeigte sich bei beiden Geschlechtern, allerdings lag der Quotient bei Männern nur bei 1,7, bei Frauen dagegen bei 2,1. Der Unterschied war signifikant. Auch war ein klarer Alterstrend erkennbar: Für Versicherte unter 20 Jahren bestimmte man einen Verordnungsquotienten von 1,47, bei über 60-jährigen Personen stieg er auf 5,2 an.

Die Stärke des Effekts korrelierte mit der Anzahl täglicher Dosen von Säurehemmern, doch zeigte sich bereits in der niedrigsten Quartile (bis zu 20 Tagesdosen pro Jahr) ein signifikant erhöhtes Risiko für die Verordnung eines Antiallergikums.

KOMMENTAR

Beobachtungen aus der allergologischen Grundlagenforschung haben zu verschiedenen Hypothesen der Entstehung von Allergien durch die Anhebung des gastrischen pH-Werts geführt. Die pH-abhängige Aktivierung des Pepsins könnte zu einer Störung der Proteinverdauung mit der Entstehung von allergenen Epitopen und einer spezifischen IgE-Antwort führen. In-vitro-Daten weisen auf eine Aktivierung von Mastzellen und Freisetzung eines humanen Mastzellmediators durch PPI hin. Im Tierversuch stimulieren H 2 -Blocker TH2-Zellen zur Freisetzung von Zytokinen, welche die Bildung von IgE-Antikörpern fördern.

Diese sehr große Untersuchung spricht nun dafür, dass säureblockierende Medikamente die Auslösung von Allergien fördern. Sie dürfte die Diskussion wieder befeuern.

Natürlich hat die Studie einige Schwachstellen. Die Verordnungs- und Kaufdaten spiegeln nicht die tatsächliche Einnahme wieder, und auch die Indikation zur Säureblockade wurde nicht erfasst. So könnte eine vieldeutige Symptomatik wie Husten zur Verordnung sowohl von Antazida wie auch von Antiallergika führen. Es ist zu erwarten, dass mit solcherlei methodischer Kritik versucht wird, diese verdienstvolle Studie madig zu machen — weniger aus Gründen der reinen Wissenschaft, sondern aus dunkleren Motiven, die aber nicht genannt werden dürfen.

Die Studie gibt zumindest Anlass, sich auf die alten Faustregeln der Therapie zu besinnen: klare Indikation, zeitliche Beschränkung, sorgfältige Überwachung und laufende Überprüfung.

Literatur

  1. Jordakieva G, Kundi M, Untersmayr E et al. Country-wide medical records infer increased allergy risk of gastric acid inhibition. Nat Commun. 2019;10:3298CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • H. S. Füeßl
    • 1
  1. 1.

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