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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 19, pp 16–16 | Cite as

Im Zweifel Rechtsmedizin einschalten!

Kind mit Analverletzung: War es Missbrauch?

  • Elke Oberhofer
AKTUELLE MEDIZIN . REPORT
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Zu Recht denkt der Arzt bei Kindern mit schweren Verletzungen am Anus vor allem auch an Missbrauch. Allerdings gibt es zuweilen Fälle, in denen der Unfallhergang tatsächlich so bizarr ist, wie er geschildert wird.

_ Fall 1: Die Geschichte klang mehr als unglaubwürdig: Ein neunjähriger Junge sei von einem kleinen Hund beim Spielen auf der Wiese anal penetriert worden, nachdem er diesem seinen entblößten Po entgegengereckt hatte. Sowohl der Arzt als auch die hinzugezogene wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, Naomi Kono, dachten angesichts der schweren Verletzungen im Analbereich zunächst an sexuellen Missbrauch. Aber die Schilderung des Jungen deckte sich mit der seines Freundes, der angeblich noch versucht hatte, den Hund, der mit seinem Penis im Anus des Jungen feststeckte, wegzuziehen.

Kono stellte ein massives Hämatom am äußeren Analring fest, mehrere operationsbedürftige Einrisse der Haut und Analschleimhaut sowie unterblutete Schürfverletzungen. Wie sollte ein kleiner Hund den Jungen so zugerichtet haben?

Hunderüden, so Kono, besitzen einen Penisknochen, der das Eindringen in die Vagina ermöglicht, noch bevor der Penis erigiert ist. Erst nach dem Eindringen kommt es zum Anschwellen vor allem des proximal am Penis gelegenen Bulbus glandis. Im erigierten Zustand erreicht dieser Schwellknoten fast Tennisballgröße. Diese speziellen anatomischen Verhältnisse bewirken, dass die Hunde während der Kopulation für bis zu 30 Minuten aneinanderhängen. Was Hundebesitzern geläufig ist, der kleine Freund aber natürlich nicht wissen konnte: Solange der Penis feststeckt, darf man den Rüden niemals wegziehen. Im Fall des Jungen war das Ausmaß der Verletzungen u. a. darauf zurückzuführen, dass der Freund versucht hatte, seinen Spielgefährten aus seiner misslichen Lage zu befreien. In diesem Zusammenhang war es für die Rechtsmedizinerin auch wichtig zu erfahren, dass der Penis selbst bei kleineren Hunden in erigiertem Zustand eine Länge von über 20 cm erreichen kann.

Fall 2: Auch in einem weiteren Fall hatten die Ermittler zunächst Zweifel an dem geschilderten Unfallhergang. Hier berichteten ein siebenjähriger Junge und sein Freund, sie wären wiederholt vom Hochbett auf den Boden gesprungen. Gefunden wurde das laut schreiende Kind mit schweren analen und rektalen Verletzungen. In der Klinik wurden Verletzungen des Schließmuskels, eine Taschenbildung entlang des Rektums sowie Nekrosen am Anussphinkter festgestellt. Die Ärzte sahen sich gezwungen, einen Anus praeter anzulegen. Noch während der Op. wurde ein rechtsmedizinisches Konsil in Auftrag gegeben. Bei der Begehung des „Tatorts“ fand sich neben dem Bett des Jungen ein großer, frei hängender Spielzeuganker mit vier aufgebogenen Rohren aus leichtem Baustahl. Bei einem der Rohre fehlte die Schutzkappe; an diesem stellten die Ermittler Blutantragungen fest. Die Morphologie des Gegenstands ließ die Verletzung plausibel erscheinen.

Er folgt nur seinen Trieben.

© Przemysław Iciak / Getty Images / iStock

„Selbstverständlich ist bei Anusverletzungen im Kindesalter immer Wachsamkeit geboten!“, betonte Kono. Allerdings tue man bei Zweifeln an der Entstehung der Verletzungen gut daran, eine rechtsmedizinische Untersuchung in Auftrag zu geben. Diese könne nicht nur unrechtmäßig beschuldigte Personen entlasten, sondern auch den betroffenen Kindern unangenehme und unnötige Konsequenzen ersparen.

Literatur

  1. 98. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM), 17.–21. September 2019 in HamburgGoogle Scholar

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Elke Oberhofer
    • 1
  1. 1.

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