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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 16, pp 51–51 | Cite as

Soporöse Patientin neben halbleerer Schmerzmittelschachtel

V. a. Opioidüberdosierung

  • Martin EbbeckeEmail author
FORTBILDUNG NOTFALLCHECKLISTE
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Der Rettungsdienst wird zu einer soporösen Patientin gerufen. Die Pupillen sind verengt, die Atmung ist verlangsamt und unregelmäßig. Der Ehemann berichtet, dass seine Frau wegen chronischer Rückenschmerzen mit starken Schmerzmitteln behandelt wird. Sie habe in letzter Zeit Suizidgedanken geäußert.

Opioid overdose

Tab. 1

Symptomtrias Opioidüberdosierung

• Bewusstseinsstörung

• Beidseitige Miosis

• Atemdepression

Cave: Diese Symptome können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Die Miosis kann z. B. durch eine Mischintoxikation oder Hypoxie kaschiert sein.

_ Die Rettungssanitäter stellen eine halbverbrauchte Medikamentenschachtel mit Hydromorphon-Kapseln sicher. Die Patientin wird mit dem Ambu-Beutel manuell beatmet und erhält noch im Rettungswagen 0,2 mg Naloxon.

Bei Aufnahme im Krankenhaus wirkt die Patientin etwas verlangsamt, aber voll orientiert. Sie atmet regelmäßig, die Sauerstoffsättigung und die Kreislaufsituation sind stabil. Sie wird in ein Zimmer der Aufnahmestation verbracht und mit einem EKG-Monitor versorgt.

Vergiftungen mit Opiaten/Opioiden

Vergiftungen mit Opiaten oder Opioiden sind seit Jahren die häufigste Ursache für drogenbedingte Todesfälle in Deutschland. Die zunehmende Verschreibung opioidhaltiger Analgetika bei chronischen Schmerzsyndromen ist eine zusätzliche Intoxikations-Quelle.

Tab. 2

Komplikationen der Opioidüberdosierung

• Hypoxische Leberschädigung

• Hypoxische Hirnschädigung

• Myoglobin-bedingte Nierenschäden

• Rhabdomyolyse

• Paralytischer Ileus

• Kompartmentsyndrom durch lagebedingte Muskelkompression

• Hypothermie

• Opioid-assoziiertes Serotoninsyndrom

• Opioid-assoziiertes Lungenödem

Diagnostik bei Opioidüberdosierung

Atem-, EKG-Monitoring und kontinuierliche Messung der Sauerstoffsättigung sind essenziell, auch wenn das Antidot Naloxon gegeben wurde. Leber- und Nierenfunktionswerte sollten wiederholt bestimmt werden. Dies gilt auch für die Creatin-Kinase (CK) und die Körpertemperatur. Es sollte eine umfangreiche körperliche Untersuchung mit dem Fokus auf Darm-, Atemgeräusche, Injektionsstellen, Schwellung von Muskelkompartimenten und aufgeklebte Opioid-Pflaster erfolgen. Denken Sie bei Vergiftungen mit Schmerzmitteln immer an eine Mischintoxikation mit Paracetamol.

Therapie der Opioidüberdosierung

Primäres Ziel ist die adäquate Sauerstoffversorgung. Hierzu dienen Kopf-Kiefer-Handgriff und Beatmungsbeutel. Naloxon antagonisiert die lebensbedrohlichen Vergiftungssymptome. Üblicherweise ist eine i. v. Injektion von 0,1–0,2 mg ausreichend. Ggf. können weitere Dosen von 0,1 mg in Abständen von 2 Minuten verabreicht werden. Alternativ kann auch ein Bolus mit 0,1–0,2 mg Naloxon i. m. injiziert werden, falls eine schnelle i. v. Gabe nicht möglich ist. Auch während der Antidotgabe muss die Sauerstoffversorgung gewährleistet sein. Bei Nichtansprechen auf Naloxon sollte der Patient intubiert und maschinell beatmet werden.

Fallstricke der Naloxon-Gabe

Aufgrund der kurzen Halbwertszeit hält die Wirkung von Naloxon nur ca. 20–90 Minuten an. Danach droht eine erneute Atemdepression. Naloxon kann bei Opioid-Abhängigen ein akutes Entzugssyndrom auslösen, das sehr unangenehm sein kann. Nicht alle Opioide reagieren gleich gut auf Naloxon.

Kasuistik

WIE GING ES WEITER?

Eine Stunde später alamiert der EKG-Monitor wegen fallender Herzfrequenz. Auf dem Weg in den Schockraum wird die hypoxische Patientin asystol. Sie wird erfolgreich reanimiert und maschinell beatmet. Erst jetzt fallen drei Fentanyl-Pflaster auf dem Rücken auf.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Pharmakologisch Toxikologisches Servicezentrum (PTS), Giftinformationszentrum-Nord (GIZ-Nord)Univ.-Medizin GöttingenGöttingenDeutschland

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