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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 15, pp 26–26 | Cite as

Diastole darf kein toter Winkel sein

  • K. G. Parhofer
FORTBILDUNG KRITISCH GELESEN
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Viele Ärzte und Wissenschaftler betrachten zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos nur den systolischen Blutdruck. Eine große Datenanalyse zeigt: So sehen sie nur die halbe Wahrheit.

Prof. Dr. med. K. G. Parhofer Medizinische Klinik und Poliklinik II, Klinikum der Universität München

_ Anhand von mehr als 36 Millionen Blutdruckmessungen bei 1,3 Millionen Teilnehmern wurde untersucht, ob die systolische oder die diastolische Blutdruckerhöhung für das kardiovaskuläre Risiko relevanter ist. Endpunkte waren Myokardinfarkt sowie ischämischer oder hämorrhagischer Schlaganfall über einen Zeitraum von acht Jahren.

Sie hat sein kardiovaskuläres Risiko voll und ganz im Blick.

© rocketclips / stock.adobe.com

Es zeigte sich, dass sowohl ein diastolischer wie auch eine systolischer Bluthochdruck unabhängig voneinander mit den kardiovaskulären Endpunkten assoziiert war. Dabei hatte der systolische Wert einen stärkeren Einfluss: Es ergab sich eine Hazard Ratio von 1,18 pro Z-Score-Einheit, während sie bei den diastolischen Werten nur bei 1,06 lag. Unerheblich war, ob man bei der Analyse einen Grenzwert von 130/80 oder von 140/90 mmHg für die Diagnose Hypertonus wählte.

Bei der Analyse des diastolischen Blutdrucks ergab sich eine J-Kurve für das kardiovaskuläre Risiko, also eine erhöhte Ereignisrate bei sehr niedrigen Werten. Dies konnte aber erklärt werden mit Variablen wie dem Alter sowie der Tatsache, dass bei niedrigen diastolischen Werten eine systolische Blutdruckerhöhung stärker ins Gewicht fällt.

KOMMENTAR

Die Kontroverse ist alt: Während in den 1960er-Jahren der diastolische Blutdruck im Vordergrund stand, wurde etwa seit dem Jahr 2000 sehr viel stärker auf den systolischen Blutdruck fokussiert — teils so weit, dass nur dieser für die Risikoabschätzung herangezogen wurde. Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass beide Werte relevant sind.

Adjustiert man die statistische Analyse für verschiedene zusätzliche Faktoren wie Alter oder Behandlung, so zeigt sich ein etwas stärkerer Einfluss der systolischen Blutdruckerhöhung auf die kardiovaskuläre Ereignisrate. Ferner zeigt sich, dass die wiederholt beobachtete J-Kurve beim diastolischen Blutdruck ebenfalls durch Störfaktoren bedingt ist. Dies ist wichtig, da die Umsetzung strengerer Empfehlungen (Blutdruck < 130/80 mmHg) auch dazu führen wird, dass mehr Patienten eine diastolische Hypotension entwickeln werden.

Fazit: In der Hypertoniebehandlung sind sowohl diastolische als auch systolische Blutdruckwerte relevant.

Literatur

  1. Flint AC et al. Effect of systolic and diastolic blood pressure on cardiovascular outcomes. N Engl J Med. 2019;381:243–51CrossRefPubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • K. G. Parhofer
    • 1
  1. 1.

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