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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 11, pp 12–12 | Cite as

Über 100 Schläge/min in Ruhe

Sinustachykardie: Was tun, wenn Betablocker nicht toleriert werden?

  • Peter Stiefelhagen
AKTUELLE MEDIZIN . REPORT
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Bei einer Tachykardie ohne Anfälle und mit normaler P-Welle sollte man an eine inadäquate Sinustachykardie denken. Doch wie gelingt die Abgrenzung von einer atrialen Tachykardie, und welche medikamentösen Optionen gibt es?

_ Von einer inadäquaten Sinustachykardie (Inappropriate Sinus Tachycardia: IAST) spricht man, wenn eine patholgische Beschleunigung der normotopen Automatiefunktion ohne organische oder medikamentöse Ursache vorliegt. Die Ruhefrequenz liegt bei > 100 Schlägen/min und die mittlere Herzfrequenz im 24-Stunden-EKG bei > 90 Schlägen/min. „Die Patienten sind durch einen überschießenden Frequenzanstieg in ihrer Belastbarkeit deutlich limitiert“, so Prof. Thorsten Lewalter, München.

Diagnostische Kriterien

Entsprechend der Leitlinie gelten folgende diagnostische Kriterien:
  • Eine persistierende Sinustachykardie mit einer Frequenz von > 100 Schlägen/min im Tagesverlauf mit deutlich überschießendem Anstieg bei körperlicher Aktivität und nächtlicher Frequenznormalisierung.

  • Die Tachykardie und die Symptome treten nicht anfallsartig auf.

  • Die P-Wellen-Morphologie der Tachykardie und die endokardiale Aktivierung sind mit jenen beim Sinusrhythmus identisch.

  • Ausschluss einer sekundären Genese wie Hyperthyreose, Phäochromozytom, mangelndes Training, Herzinsuffizienz oder Sepsis.

Abgrenzung zur atrialen Tachykardie

Die Abgrenzung von einer atrialen Tachykardie (AT) ist nicht immer einfach, wie Lewalter erklärte. Ein einfacher Funktionstest könne jedoch Klarheit bringen, nämlich ein Vergleich des PR-Intervalls in Ruhe und unter Belastung. Bei einer ektopen AT kommt es unter Belastung oder nach Gabe von Isoproterenol zu einer Zunahme des PR-Intervalls, bei einer IAST aber zu einer Abnahme. „Dieses simple Zeichen kann helfen, die richtige Diagnose zu stellen“, so Lewalter. Darüber hinaus komme es unter Belastung oder bei Gabe von Isoproterenol zu einer Zunahme der P-Wellen-Amplitude, was auch dafür spricht, dass der IAST ein ähnlicher Mechanismus zugrunde liegt wie bei der pharmakologischen Stimulation.

Warum rast ihr Herz?

© Garo / Phanie / Science Photo Library (Symbolbild mit Fotomodell)

Wie behandeln?

Therapeutisch wird die Gabe von Betablockern empfohlen. Alternativen sind Ivabradin oder Kalziumantagonisten vom Nicht-Dihydropyridin-Typ. In medikamentös refraktären Fällen sollte eine Katheterablation angestrebt werden. Eine Ultima Ratio ist die chirurgische Sinusknotenmodifikation. Auch regelmäßiges körperliches Training ist sinnvoll. Der wesentliche Nachteil der Betablocker ist laut Lewalter, dass sie von den meist jungen Patienten in der nötigen Dosis blutdruckmäßig nicht vertragen werden.

Aufgrund seiner selektiven Wirkung im Bereich des Sinusknotens ist Ivabradin zur wichtigsten Substanz bei IAST geworden, auch wenn es für diese Indikation formal nicht zugelassen ist. Die Substanz hemmt selektiv den „Funny-Strom“ (IF) in den Sinusknotenzellen, was zu einer Verzögerung der diastolischen Depolarisation und somit zu einer Frequenzabnahme führt. „Ivabradin ist nebenwirkungsarm, wirksam und hochselektiv“, so Lewalter. Ivabradin ist trotz dürftiger Datenlage eine Klasse-IIa-Empfehlung. Neben kleineren nicht-kontrollierten Studien liegen nur Daten aus einer kleinen randomisierten Studie vor.

Eine offizielle Zulassung dieser Substanz werde es wohl nicht geben, da sich eine größere, kostenträchtige Studie für die kleine Patientenzahl mit IAST nicht lohnt. „Man sollte daher den Patienten über die Anwendung außerhalb des Labels aufklären“, riet Lewalter. Empfohlen wird eine Startdosis von 2 × 5 mg täglich mit einer Steigerung bei Bedarf auf 2 × 7,5 mg oder einer Reduktion auf 2 × 2,5 mg, wenn nötig.

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Quelle

  1. Cardio Update 2019, 15.–16.2.2019 in WiesbadenGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Peter Stiefelhagen
    • 1
  1. 1.

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