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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 6, pp 35–35 | Cite as

Gehirnerschütterung verdoppelt Suizidrisiko

  • M. Hüll
FORTBILDUNG . KRITISCH GELESEN
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Ein Schädel-Hirn-Trauma kann die Betroffenen weit über die akute Beeinträchtigung hinaus schädigen — bis hin zu einem erhöhten Suizidrisiko. Ihre Patienten sollten das z. B. bei der Auswahl ihrer Sportart wissen.

Prof. Dr. med. M. Hüll Klinik für Geronto- und Neuropsychiatrie, Emmendingen

_ Mit einer systematischen Literatursuche wurden 17 Studien zum Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen und Suizidalität identifiziert. Insgesamt waren mehr als 700.000 Patienten mit einer Gehirnerschütterung oder einer leichten traumatischen Hirnschädigung und 6,2 Millionen Kontrollprobanden eingeschlossen.

Die Metaanalyse ergab, dass das Erleiden eines Schädel-Hirn-Traumas mit einer Zunahme von Suizidversuchen und einer Verdoppelung der Suizidrate verbunden ist (relatives Risiko: 2,03, p = 0,001). Dies gilt auch unter Berücksichtigung zahlreicher Einflussgrößen. Die Erhöhung der Suizidrate war bei Armeeangehörigen etwas niedriger als in Studien mit Zivilisten.

Die Autoren schlussfolgern, dass Gehirnerschütterungen zu funktionellen Hirnschädigungen mit nachfolgenden kognitiven und emotionalen Veränderungen führen, die das Suizidrisiko erhöhen.

KOMMENTAR

In den USA wird die Extremform des Schädel-Hirn-Traumas, die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE), gerade kontrovers diskutiert, nachdem immer wieder prominente Athleten, die in ihrer Sportart über Jahre Traumen erlebten, sich das Leben nehmen. Hierzulande ist die CTE als „Boxerdemenz“ schon lange bekannt.

Posttraumatische Änderungen der Kognition und Affektivität sind als hirnorganische Psychosyndrome oft Gegenstand von sozialrechtlichen Begutachtungen. Ebenso ist mittlerweile auch gut bekannt, dass eine Beeinträchtigung exekutiver Prozesse unter Beteiligung frontaler Hirnareale bei schweren Depressionen eine wichtige Rolle spielen. Eine gestörte Reaktionsunterdrückung (dysexekutives Syndrom) scheint dabei für Suizidversuche entscheidend zu sein [Richard-Devantoy S et al. Psychol Med. 2016;46:933–4].

In den USA laufen zurzeit große prospektive Studien zu dem Thema, insbesondere auch mit Blick auf den Jugendsport. Dort wurde aufgrund der aktuellen Diskussion vor Kurzem erst geregelt, das Footballspieler nach mehrminütiger Bewusstlosigkeit nicht mehr erneut auf den Platz geschickt werden dürfen.

Einstweilen empfiehlt es sich, vielleicht bei der Auswahl der Sportart und der Entscheidung für den Fahrradhelm eher auf der sichereren Seite zu bleiben.

Literatur

  1. Fralick M, Sy E, Hassan A et al. Association of concussion with the risk of suicide. A systematic review and meta-analysis JAMA Neurol. 2019;76:144–51CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • M. Hüll
    • 1
  1. 1.

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