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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 6, pp 26–26 | Cite as

Rodeo auf dem Bürokratieschimmel

  • Gisela Gieselmann
AUS DER PRAXIS WAS MMW-LESER ERLEBEN
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_ Ein junger Eritreer namens Petrus kam mit Husten, Auswurf, Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß zu uns in die Praxis. Die Arbeit im Gartenbau falle ihm momentan schwer. Die Radiologin äußerte den dringenden Verdacht auf eine Tuberkulose.

Die Lungenklinik in der Nähe wollte den Patienten gern aufnehmen — allerdings nur, wenn es einen Kostenträger gebe. Und da fingen die Probleme an: Der junge Mann hatte uns stolz den Versicherungsbeleg seiner neuen Krankenkasse mitgebracht, allerdings ohne Versicherungsnummer. Ich fragte telefonisch nach und wurde zunächst abgewimmelt: „Solche Belege gibt es nicht, da ist wohl das Sozialamt zuständig!“

Nachdem ich den Beleg gefaxt hatte, erfuhr ich, dass die zuständige Bearbeiterin inzwischen Feierabend hatte und ich am folgenden Morgen noch einmal anrufen sollte. Auch beim Sozialamt war niemand mehr erreichbar.

Da kam mir ein rettender Gedanke: Ich rief noch einmal bei der Krankenkasse an und teilte mit, dass ich den Mann jetzt persönlich schicken würde. „Er trägt einen Mundschutz. Lassen Sie ihn nicht auf dem Flur warten, die Tuberkulose könnte ja offen sein!“ Das wirkte. Sehr schnell bekam er nun eine Versicherungsnummer und damit den Platz in der Lungenklinik.

Danach rief noch das Sozialamt an und bat um einen Gefallen. Der Mann durfte gar nicht arbeiten, ich solle bitte die Ausländerbehörde nicht informieren, sonst würde es „echt kompliziert“...

Übrigens: Es handelte sich wirklich um eine offene Tuberkulose!

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Authors and Affiliations

  • Gisela Gieselmann
    • 1
  1. 1.HeiligenhausDeutschland

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