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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 21–22, pp 38–38 | Cite as

Mirtazapin ist kein guter Therapiebooster

FORTBILDUNG . KRITISCH GELESEN
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Zu einer bis dato erfolglosen antidepressiven Therapie mit SSRI oder SNRI wird oft Mirtazapin hinzugefügt. In einer multizentrischen Studie zeigte dies aber keine bessere Wirkung als Placebo.

Dr. med. J. Zeeh Geriatrische Fachklinik Georgenhaus, Meiningen

_ In einer kontrollierten Studie erhielten 480 britische Patienten, die nach mindestens sechs Wochen Einnahme eines selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers (SSRI) oder eines Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers (SNRI) immer noch Kriterien einer mittelschweren bis schweren Depression laut Beck-Depressions-Inventar (BDI II) aufwiesen, zusätzlich 30 mg Mirtazapin oder Placebo.

Zwölf Wochen später war die Depressionsschwere in beiden Gruppen zurückgegangen, ohne signifikanten Vorteil für eine der Behandlungen. Für die Autoren ist daher die routinemäßige Zugabe von Mirtazapin zu einer unwirksam gebliebenen antidepressiven Therapie mit SSRI wie Citalopram oder SNRI wie Venlafaxin nicht empfehlenswert.

KOMMENTAR

Depressionen zählen zu den fünf wichtigsten Erkrankungen und werden in erster Linie in der hausärztlichen Primärversorgung behandelt. Antidepressiva sind häufig die Therapie der ersten Wahl. Jedoch bleibt rund die Hälfte der Betroffenen weiterhin depressiv, ein Drittel ist auch nach einem Jahr noch therapierefraktär [Thomas L et al. Br J Gen Pract. 2013;63:852–8].

Mirtazapin wirkt anders als die SSRI und SNRI, daher erscheint es sinnvoll, es als Kombinationspartner hinzuzufügen, wenn SSRI oder SNRI nicht ausreichend wirken. Kleinere Studien schienen diese Annahme zu bestätigen. Die vorliegende Arbeit kann dies jedoch nicht bestätigen. Zudem traten unter Mirtazapin häufiger Nebenwirkungen auf, v. a. Schwindel, Kopfleere, schlechte Träume, Appetit- und Gewichtzunahme sowie Restless Legs. Dies führte zu 46 Therapieabbrüchen unter Verum — in der Placebogruppe waren es nur 9.

Wer nach sechs Wochen SSRI- oder SNRI-Einnahme noch depressiv ist, wird also von Mirtazapin kaum profitieren. Man sollte die Hoffnung aber nicht zu schnell aufgeben. Nach einem Vierteljahr hatte sich die Depression in beiden Gruppen deutlich gebessert. Der BDI-II-Score sank in der Mirtazapin-Gruppe von 32 auf 18, in der Placebogruppe von 31 auf 20 — also jeweils von mittelschwer bis schwer auf leicht bis mittelschwer!

Literatur

  1. Kessler DS, MacNeill SJ, Tallon D et al. Mirtazapine added to SSRIs or SNRIs for treatment resistant depression in primary care. BMJ. 2018;363:k4218CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • J. Zeeh
    • 1
  1. 1.

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