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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 1, pp 23–23 | Cite as

Prädiktion des kognitiven Leistungsabbaus bei Patienten mit Multipler Sklerose

Welche Variablen bieten die beste Vorhersage?

  • Iris-Katharina PennerEmail author
journal club
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Fragestellung: Welche Prädiktoren bieten den besten Vorhersagewert für einen kognitiven Leistungsabbau über die Zeit bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS)?

Hintergrund: Kognitive Störungen treten bei etwa jedem zweiten MS-Patienten auf und haben einen negativen Einfluss auf Lebensqualität, Berufsfähigkeit und Sozioökonomie. Bislang ist nicht bekannt, welche Einflussgrößen den besten prädiktiven Wert für den kognitiven Leistungsabbau über die Zeit haben. Das primäre Ziel der Studie bestand darin, Aufschluss darüber zu erhalten, welche strukturellen MRT-Messgrößen, demografischen Variablen und klinischen Maße einen Vorhersagewert für den kognitiven Status nach fünf Jahren haben.

Patienten und Methodik: Es handelt sich um eine monozentrische Studie mit einer Studienpopulation von 332 Patienten mit gesicherter MS. Als Kontrollen wurden 96 gesunde Personen eingeschlossen. Nur jene Personen, von denen zur Baseline und zum Follow-up nach fünf Jahren eine MRT und kognitive Untersuchung vorlagen, wurden in die Analyse einbezogen. 181 Patienten hatten einen schubförmigen, 33 einen sekundären und 20 einen primär progredienten Verlauf. Zur Baseline waren 87 Patienten unter einer Immuntherapie (57 Beta-Interferone, 13 Glatirameracetat, 12 Natalizumab, 5 andere immunsuppressive Therapien). Alle Teilnehmer wurden bei Baseline und nach fünf Jahren neuropsychologisch sowie mit einem 3-Tesla-Kernspintomografen hinsichtlich ihrer strukturellen Hirnschädigung untersucht.

Ergebnisse: Der mittlere EDSS stieg im Beobachtungszeitraum von fünf Jahren von 3,0 auf 3,5 und 23 der 181 Patienten mit schubförmigem Verlauf konvertierten zu einem sekundär progredienten Verlauf. 41 % der Patienten wurden zu Baseline als kognitiv beeinträchtigt eingestuft. Im Mittel verschlechterten sich die Patienten kognitiv zwischen Baseline und Follow-up um −0,24 und jährlich um −0,05 (Veränderungsraten). Stratifiziert nach Krankheitsverlauf ergab sich ein im Mittel dreifach rascherer kognitiver Abbau bei den Patienten mit primär und sekundär progedientem Verlauf (−0,10/Jahr) verglichen mit den schubförmigen Patienten (−0,03/Jahr). Über alle Patienten hinweg zeigte sich innerhalb der fünf Jahre bei 28 % eine kognitive Verschlechterung. Die Gruppe der sich kognitiv verschlechternden Patienten zeichnete sich durch einen höheren EDSS zur Baseline, einen höheren Anteil an Personen mit progredientem Verlauf und einen größeren strukturellen Schaden zur Baseline aus. Das beste cross-sektionale Korrelat zum kognitiven Status zur Baseline stellte das Volumen der tiefliegenden grauen Substanz dar, während der beste Prädiktor für den zukünftigen kognitiven Leistungsabbau das kortikale Volumen der grauen Substanz zur Baseline war. Stratifiziert nach Krankheitsdauer zeigte sich, dass bei Patienten mit frühem schubförmigen Verlauf die Integrität der weißen Substanz prädiktiv für den kognitiven Leistungsabbau war, während bei Patienten mit später schubförmiger und progredienter MS die kortikale Atrophie den besten prädiktiven Wert erzielte. Von den erhobenen demografischen Variablen zeigte sich lediglich für den Faktor Alter ein prädiktiver Wert.

Schlussfolgerung: Patienten mit größerem strukturellen Schaden zur Baseline und kortikaler Atrophie sind hinsichtlich des kognitiven Leistungsabbaus am meisten gefährdet.

Kommentar von Iris-Katharina Penner und Orhan Aktas, Düsseldorf

Wichtige longitudinale Erkenntnisse, geringe prädiktive Wertigkeit

Die Ergebnisse der Studie leisten einen Beitrag zum Verständnis der Evolution kognitiver Störungen bei MS und ihren hirnorganischen und klinischen Korrelaten. Die Resultate der vier durchgeführten Regressionsanalysen enttäuschen allerdings in ihrer prädiktiven Aussagekraft. Die R2-Werte sind allesamt eher bescheiden und deuten darauf hin, dass es anscheinend andere Faktoren gibt, die zwar nicht im Regressionsmodell berücksichtigt wurden, aber auf den kognitiven Leistungsabbau einen entscheidenden Einfluss haben. Das Regressionsmodell, welches auf regionale kortikale Atrophie fokussierte, zeigte sich den anderen Modellen gegenüber in seiner prädiktiven Wertigkeit überlegen. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, die Pathophysiologie der kortikalen Atrophie zukünftig genauer zu untersuchen und diesen Faktor auch in klinischen Studien stärker zu berücksichtigen. Als weitere Einschränkung ist aufzuführen, dass es sich um ein heterogenes Patientenkollektiv handelte. Zudem bleibt, dass trotz aufwändiger statistischer Verfahren vergleichsweise recht bescheidene prädiktive Faktoren für einen kognitiven Abbau über die Zeit identifiziert werden konnten. Offensichtlich konnte eine ausgefeilte Auswertungsstrategie die konzeptuellen Schwächen der Studie nicht kompensieren, sodass die Aussagekraft für den klinisch-neurologischen Alltag vergleichsweise eingeschränkt ist.

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Iris-Katharina Penner, Düsseldorf

Literatur

  1. Eijlers AJC, van Geest Q, Dekker I et al. Predicting cognitive decline in multiple sclerosis: a 5-year follow-up study. Brain 2018;141:2605–18PubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für NeurologieHeinrich-Heine-Universität DüsseldorfDüsseldorfDeutschland

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