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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 1, pp 20–20 | Cite as

Substanzinduzierte psychotische Störungen

Deutlich erhöhtes Schizophrenierisiko

  • Alkomiet HasanEmail author
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Fragestellungen: Es sollten die Übergangsraten substanzinduzierter psychotischer Störungen in manifeste bipolare Störungen und Schizophreniespektrumerkrankungen erfasst sowie mögliche Risikofaktoren für die Konversion evaluiert werden.

Hintergrund: Bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen besteht häufiger ein schädlicher Gebrauch oder eine Abhängigkeit von legalen und illegalen Suchtstoffen. Folgenschwer ist, dass bestimmte Suchtstoffe selbst psychotische Erkrankungen induzieren können. Es wird angenommen, dass beispielsweise die Hälfte der durch Cannabis und ein Drittel der durch Amphetamine induzierten psychotischen Störungen in eine Schizophrenie übergehen. Möglichkeiten der Früherkennung der Personen mit erhöhtem Übergangsrisiko hätten das Potenzial klinisch frühzeitig therapeutische Optionen anzubieten.

Patienten und Methodik: Im Rahmen einer Registerstudie aus Dänemark wurden alle Personen identifiziert, die zwischen 1994 und 2014 die Diagnose einer substanzinduzierten psychotischen Störung erhielten. Als Einschluss-ICD-10-Codes wurden die substanzspezifischen psychotischen Störungen (F10.5 Alkohol, F11.5 Opioide, F12.5 Cannabis, F13.5 Sedativa, F14.5 Kokain, F15.5 Amphetamine, F16.5 Halluzinogene) und andere Suchtmittel/multipler Gebrauch (F18.5/F19.5) definiert. Für jeden Fall wurden zehn Kontrollprobanden ausgewählt. Die Konversionsrate in eine Schizophrenie (ICD-10: F20.x, ICD-8 295) oder bipolare Störung (ICD-10: F31, ICD-8: 269x) wurde als Endpunkt untersucht.

Ergebnisse: 6.799 Personen mit der Diagnose einer substanzinduzierten psychotischen Störung und 67.227 Kontrollen wurden in dem 20-Jahres-Beobachtungszeitraum erfasst. 32,2 % der Patienten mit einer substanzinduzierten psychotischen Störung hatten eine bipolare Störung oder eine Schizophrenie entwickelt. Die Konversionsraten waren 26 % für die Schizophrenie und 8,4 % für die bipolare Störung. Die höchste Konversionsrate wurde für den Übergang aus einer cannabisinduzierten psychotischen Störung in eine Schizophrenie mit 41,2 % berichtet. Unter Einbeziehung des Übergangs in eine bipolare Störung stieg dieser Wert auf 47,4 %. Im Vergleich zu den Kontrollprobanden war die Hazard Ratio für den Übergang aus einer cannabisinduzierten psychotischen Störung in eine Schizophrenie 101,7. Prädiktoren für den Übergang waren junges Alter (Schizophrenie) und Selbstverletzung (Schizophrenie, bipolare Störung). 50 % der Konversionen in eine Schizophrenie erfolgten innerhalb von 3,1 Jahren, bei der bipolaren Störung nach 4,4 Jahren.

Schlussfolgerung: Die Diagnose einer substanzinduzierten psychotischen Störung zeigt einen starken Zusammenhang mit der Entwicklung einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung.

Kommentar von Alkomiet Hasan, München

Enge Beobachtung nötig, um Übergänge frühzeitig zu erkennen

Die Autoren konnten zeigen, dass die Diagnose einer substanzinduzierten psychotischen Störung das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung statistisch signifikant erhöht. Auch wenn Registerstudien nicht die methodische Güte wie randomisierte klinische Studien haben, sind diese Ergebnisse alarmierend. Insbesondere die hohe Rate an Konversionen aus einer cannabisinduzierten psychotischen Störung in eine Schizophrenie wirft eine Frage auf: Lag bei der Erstdiagnose der F12.5 (aber auch der anderen F1X.5 Diagnosen) eine Fehldiagnose vor (also lag damals schon eine Schizophrenie vor)? In diesem Fall wäre es interessant zu wissen, wie diese Menschen behandelt worden sind, aber dies kann durch die vorliegende Studie nicht beantwortet werden.

Unter der Annahme, dass keine Fehldiagnose vorlag, unterstreichen diese Daten erneut das Gefährdungspotenzial der untersuchten legalen und illegalen Suchtstoffe (insbesondere von Cannabinoiden) in Bezug auf die Entwicklung psychotischer Störungen. Auch wenn aus dem Design keine kausalen Schlüsse gezogen werden können, lassen sich klinische Implikationen ableiten. Menschen mit einer substanzinduzierten psychotischen Störung, die klinisch häufig selbstlimitierend ist, benötigen eine multiprofessionelle Therapie mit entsprechenden pharmakologischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Interventionen. In den ersten drei bis vier Jahren nach der F1X.5-Diagnose muss eine enge Beobachtung der Psychopathologie und des Funktionsniveaus erfolgen, um mögliche Übergänge frühzeitig zu erkennen. Ob ein solches Vorgehen praktisch durchführbar ist, ist aufgrund der aktuellen Versorgungsstrukturen zu bezweifeln.

PD Dr. med. Alkomiet Hasan, München

Literatur

  1. Starzer MSK, Nordentoft M, Hjorthøj C et al. Rates and predictors of conversion to schizophrenia or bipolar disorder following substance-induced psychosis. Am J Psychiatry 2018; 175:343–50CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieKlinikum der Universität MünchenMünchenDeutschland

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