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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 1, pp 3–3 | Cite as

Homöopathie: Wann nehmen wir endlich den Kampf auf?

  • Springer Medizin
editorial
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© Wolfgang Filser / panthermedia.net

Ich möchte dieses Editorial mit einem Fallbericht beginnen: Kurz nachdem ich meine Stelle als Direktor der Universitätsklinik für Neurologie in Essen angetreten hatte, kümmerten wir uns um eine junge Patientin mit einer initial therapierefraktären Epilepsie. In enger Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn gelang es, die Patientin medikamentös so einzustellen, dass die Anfallsfrequenz von ein bis drei Anfällen pro Woche auf einen Anfall pro Monat reduziert werden konnte. Dessen ungeachtet waren die Eltern mit dem Therapieerfolg nicht zufrieden und suchten mit ihrer Tochter einen Heilpraktiker auf. Dieser berichtete den Eltern, dass die von uns verschriebenen Antiepileptika den Körper vergiften würden und er sehr gute Erfolge mit einer homöopathischen Behandlung in solchen Fällen hätte. Die Eltern der Patientin setzten daraufhin die Antiepileptika ab und begannen die vom Heilpraktiker empfohlene homöopathische Therapie. Der weitere Verlauf war vorhersehbar. Vierzehn Tage später wurde die Patientin mit einem schwersten Status epilepticus eingeliefert und musste über mehrere Tage auf der Intensivstation behandelt werden.

Die Homöopathie ist eine Religion und keine wissenschaftlich begründete Therapieform. Über alle Krankheiten und Indikation hinweg hat die Homöopathie in prospektiven Studien nie gezeigt, dass sie wirksamer ist als Placebo. Dies gilt auch für neurologische Erkrankungen, insbesondere für die prophylaktische Behandlung von Kopfschmerzen. Ich frage mich daher allen Ernstes wie eine aufgeklärte und wissenschaftlich fundierte Gesellschaft sich den Luxus erlauben kann, eine nachgewiesenermaßen unwirksame Therapie nicht nur zuzulassen, sondern auch zum Teil zulasten der Krankenkasse zu erstatten.

Bei der Entwicklung von neuen Medikamenten werden in der Zwischenzeit hohe regulatorische Hürden gesetzt, um sicherzustellen, dass der Nachweis von Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit gegenüber Placebo und gegebenenfalls Vergleichstherapien gewährleistet ist. Die Konsequenz daraus ist, dass umfangreiche Studienprogramme mit großen Patientenzahlen durchgeführt werden müssen und die Entwicklungskosten für neue Medikamente zwischen 30 und 500 Millionen Euro betragen. Ähnliche Forderungen werden in Zukunft an Medizingeräte wie Implantate und invasive sowie operative Verfahren gestellt. Es reicht künftig nicht mehr, die Sicherheit eines Medizingerätes wie beispielsweise eines Herzschrittmachers oder eines Verschlusssystem für das Foramen ovale nachzuweisen. Für die Zulassung und insbesondere für die Erstattung durch die Krankenkassen muss in Zukunft der Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweis durch randomisierte Studien belegt werden. Dies wird allerdings nach wie vor für die Homöopathie nicht gefordert. Ein häufiger Einwand ist, dass es den Ärzten möglich sein müsse, eine Placebobehandlung durchzuführen. Dies ist schlicht und ergreifend unethisch, wenn alle wissenschaftlichen Studien belegen, dass die Homöopathie einer Placebotherapie nicht überlegen ist. Die Homöopathie hat viele Übereinstimmungen mit Religionen. Sie fußt auf einem abstrakten Gedankengebäude und reklamiert einen Wahrheitsgehalt der nicht nachweisbar ist. Ich bin kein Gegner des Einsatzes von Placebo solange die Voraussetzungen erfüllt sind, die die Bundesärztekammer 2010 gefordert hat: „Da die experimentelle Placeboforschung zeigt, welchen Nutzen der Patient aus einer Placebogabe ziehen kann, so wird vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer aus ethischer Sicht die bewusste Anwendung von Placebo oder sogenanntem „Pseudo-Placebo“ in der therapeutischen Praxis (außerhalb klinischer Studien) durchaus für vertretbar gehalten, und zwar unter folgenden Voraussetzungen und unter Beachtung der herrschenden Rechtsaufassung:
  • Es ist keine geprüfte wirksame (Pharmako-)therapie vorhanden.

  • Es handelt sich um relativ geringe Beschwerden, und es liegt der ausdrückliche Wunsch des Patienten nach einer Behandlung vor.

  • Es besteht Aussicht auf Erfolg einer Placebobehandlung bei dieser Erkrankung.“

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

Seniorprofessor für klinische Neurowissenschaften, Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen E-Mail: h.diener@uni-essen.de

Am bedenklichsten ist allerdings, dass wir uns als wissenschaftlich ausgebildete und tätige Ärzte diese Parallelmedizin ohne Widerspruch gefallen lassen. Wir sollten sowohl die Politik als auch die Öffentlichkeit immer wieder darauf aufmerksam machen, dass die Homöopathie nicht nur unwirksam und teuer, sondern auch potenziell gefährlich ist. Auf diese Weise wird vielen Patienten eine wirksame Therapie vorenthalten oder noch viel schlimmer — bei schwerwiegenden Erkrankungen eine rechtzeitige Diagnose und evidenzbasierte Therapie verzögert.

Ich befürchte aber, dass die Politik — ähnlich wie bei dem Unwesen der Heilpraktiker — die Hände in den Schoss legt und nichts unternimmt.

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Authors and Affiliations

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