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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 10, pp 35–35 | Cite as

Patienten mit chronischer Migräne und Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln

Verbessert Botulinumtoxim den Erfolg des Medikamentenentzugs?

  • Springer Medizin
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Fragestellung: Kann der Erfolg eines Medikamentenentzugs bei Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln durch eine Therapie mit Onabotulinumtoxin A (BTA) verstärkt werden?

Hintergrund: BTA wird häufig zur Behandlung der chronischen Migräne eingesetzt. Die Wirksamkeit dieser Therapie wurde in zwei randomisierten Studien gezeigt [1, 2, 3]. In diesen Studien konnte allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass die durch BTA-induzierte Reduktion von Stirnfalten zu einer Entblindung der Therapie führte. In den beiden Studien war bei der Hälfte der Patienten ein Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln zu verzeichnen. Auch diese Patienten profitierten von der Behandlung mit BTA. Es ist allerdings nicht bekannt ob der Erfolg eines Medikamentenentzugs bei Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln durch eine Therapie mit BTA verstärkt werden kann.

Patienten und Methodik: Die Arbeitsgruppe aus Leiden in den Niederlanden untersuchte in einer doppelblinden, placebokontrollierten, monozentrischen, randomisierten klinischen Studie, ob die Add-on-Therapie mit BTA die Wirksamkeit des Medikamentenentzugs erhöht. Die Patienten für die Studie wurden zwischen Dezember 2012 und Februar 2015 rekrutiert. Eingeschlossen wurden 179 Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, bei denen eine chronische Migräne und ein Übergebrauch von akuten Kopfschmerzmedikamenten bestanden. Alle Studienteilnehmer wurden angewiesen, über den Zeitraum der Studie (12 Wochen) so wenig Schmerz- oder Migränemittel wie möglich einzunehmen. Darüber hinaus wurden sie nach dem Zufallsprinzip (1 : 1) zu 31 Injektionen mit BTA (155 Einheiten) oder Placebo (Kochsalzlösung) randomisiert. Um eine Entblindung zu verhindern, erhielten mit Placebo behandelte Teilnehmer niedrige Dosen von BTA (insgesamt 17,5 Einheiten) in die Stirn injiziert. Die übrigen Injektionen erfolgten in der Placebogruppe mit Kochsalzlösung. Der primäre Endpunkt der Studie war die prozentuale Veränderung der monatlichen Kopfschmerztage von der vierwöchigen Baseline bis zum letzten Tag der Wochen neun bis zwölf.

Ergebnisse: Von den 179 randomisierten Patienten erhielten 90 BTA und 89 Placebo. 175 Patienten (98 %) schlossen die Doppelblindphase ab. Alle 179 Patienten wurden in die Intention-to-Treat-Analyse einbezogen.

BTA reduzierte die monatlichen Kopfschmerztage nicht besser als Placebo (26,9 % gegenüber 20,5 %, 95%-Konfidenzintervall [KI]: 15,2 %–2,4 %, p = 0,15). Die absoluten Veränderungen der Migränetage nach zwölf Wochen betrugen minus 6,2 Tage für BTA versus minus 7,0 Tage für Placebo (95%-KI: 1,0–2,7, p = 0,38). Andere sekundäre Endpunkte wie Behinderung durch die Kopfschmerzen und die Lebensqualität waren ebenfalls nicht unterschiedlich.

Schlussfolgerungen:Bei Patienten mit chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch, bietet BTA keinen Zusatznutzen gegenüber dem akuten Entzug allein. Die Autoren folgern aus ihren Ergebnissen, dass zunächst ein Medikamentenentzug durchgeführt werden sollte, bevor eine Behandlung mit BTA begonnen wird.

Kommentar von Hans-Christoph Diener, Essen

Entzug erst bei fehlendem Therapieerfolg mit Botulinumtoxin

Diese Studie aus den Niederlanden unterscheidet sich von den Zulassungsstudien von Onabotulinumtoxin A (BTA) dadurch, dass es sich um eine Kombinationstherapie von Medikamentenentzug mit oder ohne Behandlung mit BTA handelt. Zu den Problemen der Studie zählt, dass es sich nicht um ein reines placebokontrolliertes Design handelte, sondern um einen Vergleich zwischen einer niedrigen und der zugelassenen therapeutischen Dosis von BTA. Im Gegensatz zu den PREEMPT-Studien erfolgte die Behandlung über zwölf und nicht über 24 Wochen. Die Autoren argumentieren, dass Patienten mit Übergebrauch von Medikamenten erst entzogen werden sollten und ausschließlich bei Therapieversagen eine Behandlung mit Botulinumtoxin erfolgen sollte. Der Medikamentenentzug ist allerdings schwierig und erfordert Ressourcen und Dienstleistungen, welche die meisten niedergelassenen Neurologen oder Kopfschmerzsprechstunden nicht erbringen können. Daher sollte der in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ausgesprochenen Empfehlung gefolgt und zunächst eine Behandlung mit Botulinumtoxin durchgeführt werden. Ist diese nicht erfolgreich, können die Patienten entzogen werden.

Referenzen

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    Aurora SK et al. Cephalalgia 2010; 30: 793–803CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Diener HC et al. Cephalalgia 2010; 30: 804–14CrossRefGoogle Scholar
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Literatur

  1. Pijpers JA, Kies DA, Louter MA et al. Acute withdrawal and botulinum toxin A in chronic migraine with medication overuse: a double-blind randomized controlled trial. Brain 2019; 142: 1203–14CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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