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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 9, pp 3–3 | Cite as

Einsam und verlassen

  • Michael HüllEmail author
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© Photographee.eu/stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Prof. Dr. med. Michael Hüll, MSc

Einsamkeit wird immer mehr als ein sich ausbreitendes Phänomen in den Industriestaaten betrachtet. Im Oktober 2018 errichtete die britische Ministerpräsidentin May ein Ministerium für Loneliness in Großbritannien. Dreiviertel aller britischen Hausärzte berichteten, dass sie jeden Tag zwischen ein und fünf Menschen sehen, die stark an Einsamkeit litten. Zirka 200.000 ältere Menschen in Großbritannien hätten mehr als einem Monat keine Unterhaltung mit einem Freund oder einem Angehörigen geführt. Die britischen Hausärzte sollten mehr die Praxis des „Social Prescribing“ nutzen, um das Wohlbefinden ihrer Patienten zu erhöhen.

Gefährliches Gesundheitsrisiko

Tatsächlich mehren sich die Studien, dass Einsamkeit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression und Demenzen sowie das Mortalitätsrisiko erhöht. Der negative Effekt auf die Gesundheit wird dabei in einer Größenordnung geschätzt, der dem zunehmenden Bewegungsmangel und Übergewicht gleichgestellt ist. Das Ministerium für Einsamkeit gibt sogar an, dass Einsamkeit auf dem Weg sei, Großbritanniens gefährlichstes Gesundheitsrisiko zu werden.

Auch in Deutschland ist das Einsamkeitsthema in der Politik angekommen. So wurde im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung angekündigt, Maßnahmen zur Bekämpfung der Einsamkeit in allen Altersgruppen zu treffen. Wie sieht es denn aus mit der Einsamkeit in Deutschland? Nach Angaben der Bundesregierung fühlten sich 18 % der 30-Jährigen, 11 % der 50-Jährigen und 7,5 % der 80-Jährigen einsam.

Bevor man diese Zahlen im Detail betrachtet, muss man sich jedoch darüber im Klaren werden, dass mit Einsamkeit oft unterschiedliche Dinge gemeint sind. Während der alleinlebende norwegische Fischer am Polarkreis eventuell sozial isoliert lebt, ist er nicht unbedingt von einem Einsamkeitsgefühl geplagt. Im Gegensatz dazu findet sich oft ein hohes Einsamkeitsgefühl bei älteren Frauen in Sizilien, die bei Betrachtung der Häufigkeit von familiären Kontakten garantiert nicht sozial isoliert sind.

Ungewollte soziale Isolation stellt aber auf jeden Fall einen hohen Stressor dar und ist mit vielen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Alkohol- und Tablettenmissbrauch verbunden. Nun ist soziale Isolation zwar auch aus medizinischer Sicht unerwünscht — außer vielleicht für Infektiologen —, aber sie ist nicht unbedingt medizinischen Maßnahmen zugänglich.

Maßnahmen gegen soziale Isolation

Das Social Prescribing, das Verordnen von Sozialkontakten ist natürlich auf allen Ebenen des Gesundheitssystems möglich, erfordert aber auch einen entsprechenden öffentlichen Raum. Die Bundesregierung hat dazu dieses Jahr Maßnahmen, wie das Förderprogramm für Mehrgenerationenhäuser, einen Ausbau der Unterstützung ehrenamtlicher Arbeit in diesem Bereich, Maßnahmen zur Dorfentwicklung mit Mehrfunktionshäusern und Wiederbelebungen von Tante-Emma-Läden auf den Weg gebracht. Dies hört sich gut an, da zumindest im ländlichen Raum der Wegfall von Möglichkeiten zu sozialen Kontakten in großem Maße droht. In der Stadt die Massen sich einsam fühlender Dreißigjähriger, auf dem Land die isolierten Alten? Eine Entwicklung, die auch unser Gesundheitssystem beeinflussen wird.

Und Politikerinnen wie Theresa May wissen: schnell ist man einsam und verlassen

Literatur

  1. 1.
    Hämmig O. Health risks associated with social isolation in general and in young, middle and old age. PLoS One 2019 Jul 18;14(7):e0219663.CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Holt-Lunstad J et al. Loneliness and social isolation as risk factors for mortality: a meta-analytic review. Perspect Psychol Sci 2015 Mar;10(2):227–37CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Zentrum für Psychiatrie EmmendingenEmmendingenDeutschland

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