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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 7–8, pp 17–17 | Cite as

Neurofilament-Leichtketten im Serum

Neuer Biomarker für Multiple Sklerose?

  • Volker LimmrothEmail author
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Fragestellung: Sind Neurofilament-Leichtketten (NFL) im Serum als Biomarker für die Aktivität und den Verlauf der Multiplen Sklerose (MS) und als Marker für Therapieeffekte geeignet?

Hintergrund: Bis heute stehen keine valide nutzbaren Biomarker aus dem Serum zur Verfügung, die eine Einschätzung der Aktivität oder des Verlaufs der MS erlauben. Neurofilamente (NF) sind Bestandteile von Neuronen und Axonen und sind bereits im Liquor hinsichtlich ihrer Nutzbarkeit für die Prognoseabschätzung verschiedener zentralneurologischer Erkrankungen untersucht worden. Für die MS konnte kürzlich in kleineren Studien eine Korrelation zwischen der Zunahme der Konzentration im Liquor und einer Progression der Erkrankung nachgewiesen werden. Zur Nutzung als Biomarker oder zur Verlaufskontrolle wären jedoch regelmäßige Liquoruntersuchungen nötig, was für die Routine unpraktikabel wäre.

Neu ist nun ein Verfahren, das die Bestimmung einer NF-Untergruppe, der NFL, im Serum erlaubt und auch geringste Konzentrationen nachweisen kann: der single molecule array assay (SIMOA). In dieser Studie wurden nun Serumproben aus den beiden Zulassungsstudien von Fingolimod, FREEDOMS (Fingolimod gegen Placebo) und TRANSFORMS (Fingolimod gegen Avonex®), untersucht, um Veränderungen und Unterschiede der NFL-Werte sowohl zwischen den Behandlungsgruppen als auch über die Zeit zu erkennen.

Patienten und Methodik: NFL wurden in Blutproben von 589 MS-Patienten untersucht, die an beiden Zulassungsstudien teilgenommen hatten. Zum Vergleich wurden Proben von 35 gesunden Individuen untersucht. Die Ergebnisse wurden dann mit den kernspintomografischen und klinischen Befunden korreliert.

Ergebnisse: Zur Baseline waren die NFL-Spiegel der MS-Patienten signifikant höher als die der Kontrollen (30‚5 versus 16‚9 pg/ml) und stiegen mit der Zahl der T2-Läsionen an. Umgekehrt waren hohe beziehungsweise niedrige NFL-Werte zur Baseline später mit höherer Läsionslast assoziiert, sowie mit mehr Gadolinium-aufnehmenden Herden, höherer Schubrate, mehr Verlust an Hirnvolumen und größerem Progressionsrisiko. Die Fingolimod-Gruppen wiesen nach sechs Monaten signifikant niedrigere NFL-Werte auf als mit Placebo oder Interferon behandelte Patienten. Die Unterschiede blieben bis zum Ende der Studien bestehen.

Schlussfolgerungen: Die Untersuchungen zeigen signifikante Unterschiede der NFL-Serumwerte zwischen MS-Patienten und Gesunden, wobei die Werte mit der Erkrankungsintensität, auch über die Zeit, korrelierten. Fingolimod reduzierte die NFL-Spiegel im Verlauf deutlich und signifikant stärker als Placebo oder Interferon. Die Autoren folgern, dass die Bestimmung von Serum-NFL als Biomarker zur Verlaufs- und Therapiekontrolle genutzt werden könnte.

Kommentar von Volker Limmroth, Köln

Interessanter Biomarker, leider nicht spezifisch

Die Daten sind auf den ersten Blick sehr überzeugend. Bereits die Bestimmung der NFL im Liquor hatte klare Korrelationen zwischen der Höhe der NFL-Werte und der Erkrankungsprogression gezeigt. Die Notwendigkeit regelmäßiger Lumbalpunktionen schränkte die Anwendbarkeit jedoch ein. Die Bestimmung dieser Werte aus dem Serum klingt daher vielversprechend. Aber: Die Erhöhung der NFL im Liquor oder auch im Serum ist nicht spezifisch. Mit anderen Worten: Die Werte lassen sich nur dann sinnvoll hinsichtlich einer Erkrankung interpretieren, wenn der Patient wirklich nur unter dieser einen Erkrankung leidet. Je älter der Patient ist und je mehr Erkrankungen oder neurodegenerative Mechanismen vorliegen, desto unschärfer ist die Interpretierbarkeit. Ferner: Die absoluten Werte variieren individuell und können (bisher) nicht wie herkömmliche standardisierte Laborwerte (z.?B. Kreatinin- oder Leberwerte) verwendet werden. Die bisherigen Verwendungsmöglichkeiten liegen daher in regelmäßigen Verlaufsbeobachtungen bei jüngeren Patienten ohne weitere Erkrankungen des ZNS. Hier könnte die Bestimmung der NFL eine sehr sinnvolle Ergänzung von klinischer Evaluation und MRT-Parametern im Verlauf und unter Therapie sein. Darüber hinaus eignet sich die Bestimmung der NFL gut für Kohorten, um den Umfang therapeutischer Effekte besser einschätzen zu können, analog zur Bestimmung des Hirnvolumenverlusts mittels MRT. Der erhoffte Biomarker, der die klinische Aktivität einer MS genau am jeweiligen Tag wie eine BSG in einem Individuum wiedergibt, ist mit den NFL im Serum aber leider auch noch nicht gefunden. Aber die Bestimmung der NFL im Serum ist zweifellos eine Bereicherung im klinischen Alltag, wenn andere Parameter uneindeutig sind.

Prof. Dr. med. Volker Limmroth, Köln-Merheim

Literatur

  1. Kuhle J, Kropshofer H, Haering DA et al. Blood neurofilament light chain as a biomarker of MS disease activity and treatment response. Neurology 2019; 92: e1007–15CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Neurologie und Palliativmedizin Köln-MerheimKöln-MerheimDeutschland

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