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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 7–8, pp 14–14 | Cite as

Selbstschädigendes Verhalten älterer Menschen

Zumeist steckt eine Suizidabsicht dahinter

  • Stefan NeckeEmail author
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Fragestellung: Ziel der Studie war es, eine systematische Übersicht der Charakteristika selbstschädigenden Verhaltens älterer Menschen zu erstellen.

Hintergrund: Der wachsende Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft und ein hohes Suizidrisiko im höheren Lebens- alter unterstreichen die Bedeutung, die Charakteristika selbstschädigenden Verhaltens älterer Menschen zu identifizieren.

Patienten und Methodik: Analysiert wurden Studien mit älteren Populationen (ab 60 Jahre), mit mindestens einem direkt selbstgefährdenden Ereignis ohne Todesfolge. Zur Definition der Selbstschädigung wurden die Kriterien des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) verwendet. Das Ereignis musste zu einer klinischen Vorstellung geführt haben.

Ergebnisse: 40 Studien wurden eingeschlossen. 60 % der Betroffenen waren im Alter zwischen 60 und 74 Jahren, 57 % waren Frauen. 53‚5 % der Betroffenen lebten in Familien oder Pflege, 40 % lebten allein. 86 % wählten als Methode Selbstvergiftung (Medikamentenüberdosis, Ingestion toxischer Substanzen), 8 % Lazeration oder Verbrennung der Haut, 6% Erhängen, Schusswaffen, Sprung vor ein Auto, Autoabgase oder Selbstverbrennung. 30 % der Betroffenen hatten eine psychiatrische Vorgeschichte, 69 % die Diagnose Depression, 29 % hatten schon früher selbstschädigendes Verhalten gezeigt. 40 % litten unter chronischen körperlichen Erkrankungen (kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus, Erkrankungen des Bewegungsapparats, neurologische Erkrankungen), 42 % erhielten zum Zeitpunkt des selbstschädigenden Ereignisses Antidepressiva.

Eine Woche vor dem selbstschädigenden Ereignis hatten 29 % der Betroffenen Kontakt zum Hausarzt, 62 % hatten einen Monat vor dem Ereignis Kontakt zu Einrichtungen des Gesundheitswesens. Vor der Selbstschädigung nutzten 41 % der Betroffenen psychiatrische Hilfsangebote oder erhielten eine Therapie. Bei 28% erfolgte das Ereignis während einer psychiatrischen Behandlung.

Als soziodemografische Risikofaktoren wiederholter Selbstschädigung zeigten sich weibliches Geschlecht, fehlende Partnerschaft, ledig sein, allein lebend, Lebensalter 60–74 Jahre und fehlende Betreuungspersonen. Klinische Risikofaktoren wiederholter Selbstschädigung waren vorangegangene Selbstschädigung, psychiatrische Vorgeschichte, laufende psychiatrische Behandlung sowie Depression und Arthritis. Weitere Risikofaktoren waren die ersten zwölf Monate nach dem ersten Ereignis, Alkohol- und Drogenkonsum sowie ein geringes Maß an Selbstfürsorge.

73‚5 % erklärten eine suizidale Intention. Als Motive für Selbstschädigung zeigten sich Kontrollverlust durch physische und psychische Probleme, finanzielle Probleme, Beeinträchtigung der Mobilität, Verlust von sozialem Status und sozialer Unterstützung, ferner Isolation und Vereinsamung. Die Wahrnehmung des Alterns als Bürde und Beeinträchtigung des täglichen Lebens, in Form von negativen Stereotypien, in denen das Altern als zermürbender Kampf erlebt wird, sowie einem Bedauern über verpasste Lebenschancen.

Schlussfolgerungen: Obwohl einige Charakteristika selbstschädigenden Verhaltens älterer Menschen mit denen jüngerer Populationen übereinstimmen (höherer Prozentsatz Frauen, psychiatrische Vorgeschichte, frühere Selbstschädigung) besteht ein höheres Suizidrisiko älterer Menschen. Frühere Selbstschädigung, vorangegangene und aktuelle psychiatrische Behandlung, soziodemografische Faktoren (Single, alleinlebend, 60–74 Jahre) sind stärker mit wiederholter Selbstschädigung assoziiert.

Kommentar von Stefan Necke, Emmendingen

Höheres Lebensalter — Risikofaktor mit hoher Dunkelziffer

Für den klinischen Alltag ist es von besonderer Bedeutung, dass selbstschädigendes Verhalten hinsichtlich der hohen Dunkelziffer sowie der hohen Rezidivrate und des erhöhtem Suizidrisikos ein ernstzunehmendes Warnsignal darstellt. Vereinsamung, insbesondere bei 60- bis 74-Jährigen, sowie eine frühere oder laufende psychiatrische Behandlung stellen weitere Warnsignale dar, weshalb Betroffene mit diesen Merkmalen besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Etwa zwei Drittel der Betroffenen hatten einen Monat vor dem Ereignis Kontakt zu Einrichtungen des Gesundheitswesens und rund ein Drittel noch eine Woche vor dem selbstschädigenden Ereignis Kontakt zum Hausarzt. Es ist Chance und Herausforderung zugleich, die Betroffenen rechtzeitig zu identifizieren. Dass mehr als ein Drittel der Betroffenen vor dem Ereignis psychiatrische Hilfsangebote oder Therapie nutzten und dennoch nahezu ein Drittel der selbstschädigenden Ereignisse während einer psychiatrischen Behandlung stattfanden, unterstreicht die Notwendigkeit, fachspezifische Angebote weiter zu verbessern, selbst wenn nicht alle Betroffenen erreicht werden können.

Dr. med. Stefan Necke, Emmendingen

Literatur

  1. Troya MI, Babatunde O, Polidano K et al. Self-harm in older adults: systematic review. Br J Psychiatry 2019; 214: 186–200CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Alterspsychiatrie und PsychotherapieZentrum für PsychiatrieEmmendingenDeutschland

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