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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 7–8, pp 10–10 | Cite as

Strategie bei antipsychotikainduzierter Gewichtszunahme

Histaminerge Neurotransmission im Fokus

  • Alkomiet HasanEmail author
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Fragestellung: Kann die Add-on-Gabe der histaminergen Substanz Betahistin bei Menschen, die eine Behandlung mit Antipsychotika erhalten, das Körpergewicht reduzieren und damit der antipsychotikainduzierten Gewichtszunahme entgegenwirken?

Hintergrund: Antipsychotische Substanzen, insbesondere bestimmte Second-Generation-Antipsychotika, können zu einer signifikanten Zunahme des Körpergewichts und der Entstehung eines metabolischen Syndroms führen. Insbesondere für Clozapin und Olanzapin ist dieses Problem bekannt und beide Präparate haben eine antihistaminerge Komponente. Die Substanz Betahistin, die in der Regel zur Behandlung des Morbus Menière eingesetzt wird, verstärkt die histaminerge Neurotransmission über einen Agonismus am H1-Rezeptor und einen Antagonismus am H3-Rezeptor. Der Effekt von Betahistin auf das Körpergewicht bei Menschen, die aufgrund unterschiedlicher Diagnosen eine antipsychotische Behandlung mit verschiedenen Präparaten erhalten, war bisher unklar.

Patienten und Methodik: In die randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, multizentrische Studie wurden insgesamt 51 Teilnehmer eingeschlossen, die eine Behandlung mit einem Antipsychotikum und eine substanzielle Gewichtszunahme hatten. Das Diagnosespektrum umfasste Schizophrenien, schizoaffektive, bipolare und Autismus-Spektrum-Erkrankungen. Betahistin wurde über zwölf Wochen gegeben. Es erfolgten eine umfassende Erhebung von Endpunkten in den Bereichen Anthropometrie, Metabolik, Psychopathologie sowie laborchemische Analysen. Ein primärer Endpunkt wurde nicht explizit definiert.

Ergebnisse: In der Gesamtgruppe konnte kein Unterschied zwischen Betahistin und Placebo in Bezug auf die Endpunkte Gewicht, BMI und Hüft- oder Taillenumfang gefunden werden. Ein signifikanter Mehrwert des Betahistin zeigte sich jedoch in der Subgruppe der Patienten, die Olanazpin oder Clozapin erhielten, bezüglich der Parameter Gewicht (p = 0‚006), BMI (p = 0‚003) und Taillenumfang (p=0‚035). Unterschiede in der Psychopathologie konnten nicht festgestellt werden, auch fanden sich keine relevanten Unterschiede in der Verträglichkeit zwischen den beiden Studienarmen.

Schlussfolgerung: Die Autoren folgern, dass die Add-on-Gabe von Betahistin zu einer antipsychotischen Behandlung mit Substanzen, die antihistaminerge Eigenschaften haben (wie zum Beispiel Clozapin und Olanzapin) zu einer Gewichtsabnahme führen kann. Die Gabe von Betahistin zu einer antipsychotischen Behandlung mit anderen Substanzen scheint jedoch nicht effektiv zu sein.

Kommentar von Alkomiet Hasan, München

Wichtig ist es, diese Problematik im klinischen Alltag zu erkennen

Metabolische Veränderungen als Folge von psychischen Erkrankungen an sich, aber insbesondere durch eine psychopharmakologische Behandlung, sind eine große klinische Herausforderung. Vornehmlich bestimmte Second-Generation-Antipsychotika sind mit metabolischen Effekten und Gewichtszunahmen assoziiert. Die neue S3-Leitlinie Schizophrenie [1] empfiehlt hier ein mehrstufiges Vorgehen: Zunächst sollten die Möglichkeiten einer Dosisreduktion oder Umstellung sowie spezifischer psychotherapeutischer und psychosozialer Interventionen, Ernährungsberatung und Sport geprüft werden und schließlich, bei ausbleibendem Erfolg, die Add-on-Gabe von Metformin oder Topiramat (beides jeweils Off-Label-Gebrauch). Die hier vorliegende Studie eröffnet möglicherweise eine neue therapeutische Option, insbesondere bei einer Behandlung mit Olanzapin oder Clozapin. Allerdings muss festgehalten werden, dass die Studie einige methodische Limitationen hat (fehlende Stichprobenplanung, keine Vorabveröffentlichung des Protokolls, kein klarer primärer Endpunkt, Signifikanz basiert auf einer sekundären Subgruppenanalyse) und die Stichprobe relativ klein ist. Beachtet werden muss auch, dass es sich hier um einen Off-Label-Gebrauch handelt, der entsprechend im Einzelfall begründet werden muss. Zu nennen sind hier die Faktoren 1) nachgewiesene Wirksamkeit, 2) günstiges Nutzen-Risiko-Profil und 3) fehlende Alternativen. Für das Betahistin trifft aktuell der Faktor 2) auf jeden Fall zu — um die Faktoren 1) und 3) sicher beurteilen zu können, sind weitere Studien notwendig. Unabhängig davon sind neue Ansätze für die Behandlung einer antipsychotikabedingten Gewichtszunahme dringend erforderlich.

Prof. Dr. med. Alkomiet Hasan, München

Referenz

  1. 1.
    DGPPN. AWMF S3 Leitlinie Schizophrenie. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/038-009.html

Literatur

  1. Smith RC, Maayan L, Wu R et al. Betahistine effects on weight-related measures in patients treated with antipsychotic medications: a double-blind placebo-controlled study. Psychopharmacology 2018; 235: 3545–58CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieKlinikum der Universität MünchenMünchenDeutschland

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