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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 14–14 | Cite as

Systematische Analyse der Suizidalität weltweit zwischen 1990 und 2016

Suizidalität bleibt eine wichtige Todesursache

  • Julia UmanskyEmail author
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Fragestellung: Wie hat sich die Mortalität durch Suizide global, regional sowie bezüglich Alter, Geschlecht und soziodemografischem Status weltweit zwischen 1990 und 2016 entwickelt?

Hintergrund: Suizidalität ist weltweit ein wichtiges Thema im medizinischem Versorgungssystem. Die WHO hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweite Mortalität durch Suizide zwischen 2012 und 2020 um 10 % zu senken. Die vorliegende Arbeit bietet eine detaillierte Übersicht der weltweiten Entwicklung der Suizidraten im länderübergreifenden Vergleich.

Patienten und Methodik: In 195 Ländern wurden Daten zur Mortalität durch Suizide im Zeitraum 1990 bis 2016 erhoben. Durch die Kombination verschiedener Datenmodelle wurden die altersstandardisierte Mortalitätsrate durch Suizide sowie die verlorenen Lebensjahre durch Suizide berechnet.

Ergebnisse: Im Jahr 2016 gab es weltweit 817.000 Todesfälle durch Suizid. Dies bedeutet zwar im Vergleich zu 1990 eine Steigerung um 6,7 %, jedoch sank die altersstandardisierte Mortalität um fast ein Drittel (32,7 %) von 16,6 Todesfällen pro 100.000 im Jahr 1990 auf 11,2 pro 100.000 im Jahr 2016. Regional gesehen gehörten Suizide zu den führenden zehn Todesursachen in fünf von 21 definierten Regionen. Die höchste regionale altersstandardisierte Mortalitätsrate durch Suizide zeigte sich in Osteuropa (27,5 Todesfälle pro 100.000), gefolgt von der wohlhabenden asiatisch-pazifischen Region (18,7 pro 100.000) sowie von Afrika südlich der Subsahara (16,3 pro 100.000).

Bei den Ländern mit einer Bevölkerung von mehr als einer Million waren die Länder mit der höchsten Mortalität durch Suizide Lesotho, Litauen, Russland und Zimbabwe. Die niedrigsten Mortalitätsraten wurden im Libanon sowie in Syrien, Palästina, Kuwait und Jamaika erhoben. Die höchste Reduktion der suizidassoziierten Mortalität im Zeitraum von 1990 bis 2016 wurde in China, Dänemark, Singapur sowie den Philippinen und der Schweiz erhoben. Allerdings zeigte sich eine Zunahme in Zimbabwe, Jamaika, Paraguay, Sambia und Belize.

Es zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede mit höherer Mortalität durch Suizide bei Männern im Vergleich zu Frauen. Auch die im Beobachtungszeitraum festgestellte Reduktion der Mortalität war bei Männern weniger ausgeprägt als bei Frauen, sodass sich das Verhältnis vergrößerte (Ratio von 0,46 im Jahr 2016 vs. 0,73 im Jahr 1990). Die niedrigste Ratio im Vergleich von Frauen zu Männern fand sich in Ost- und Mitteleuropa sowie in Lateinamerika. Ein fast ausgeglichenes Verhältnis bestand in Ost- und Südasien. Männer waren von Suiziden besonders häufig betroffen in Litauen, Russland und Kasachstan, Frauen hingegen in Lesotho, Uganda, Liberia und Südkorea. Umgekehrt zeigte sich die niedrigste Mortalität für Männer im Libanon sowie in Kuwait, Pakistan, Syrien und Palästina und für Frauen in Syrien, im Oman sowie auf Jamaika und in Griechenland. Bezüglich des soziodemografischen Status bestand in Ländern mit niedrigerem Entwicklungsstand ein höheres Verhältnis von Suiziden bei Frauen zu Männern.

Schlussfolgerung: Suizidalität bleibt weltweit weiterhin eine relevante, vermeidbare Todesursache.

Kommentar von Julia Umansky, Mainz

Suizidalität als Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklung

Die beiden zentralen Befunde dieser methodisch aufwendigen Arbeit sind erhebliche regionale und nationale Unterschiede in der Häufigkeit von Suiziden sowie eine deutliche Abnahme der altersstandardisierten Mortalitätsrate durch Suizide im Zeitraum von 1990 bis 2016, die bei Frauen stärker ausgeprägt war als bei Männern. Allerdings lassen sich keine Rückschlüsse auf die Ursachen ziehen. Es wird lediglich eine Reihe möglicher Einflussfaktoren aufgeführt wie soziodemografische, soziokulturelle, religiöse, wirtschaftliche und psychiatrische Faktoren. Am Beispiel der hohen Suizidrate in Osteuropa stellen die Autoren einen Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den wirtschaftlichen Krisen Ende der 1990er-Jahre in Russland her. Umgekehrt könnte die deutliche Reduktion der Suizidrate in China auf die positive wirtschaftliche Entwicklung und den verbesserten Lebensstandard zurückgeführt werden. Auffällig sind die relativ niedrigen Suizidraten in Krisengebieten wie Syrien, Libanon und Palästina. Auch hier lässt sich über die Gründe nur spekulieren. Auch wenn sich aus dieser Arbeit keine Konsequenzen bezüglich einer besseren Suizidprävention ableiten lassen, stellen die Daten eine gute Basis für weitergehende Untersuchungen zu den Ursachen der dargestellten Befunde und damit zur Entwicklung effektiver Suizidpräventionsmaßnahmen dar.

Dr. med. Julia Umansky, Mainz

Literatur

  1. Naghavi M. Global, regional, and national burden of suicide mortality 1990 to 2016: systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. BMJ 2019; 364: 194Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieUniversitätsmedizin MainzMainzDeutschland

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