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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 19–19 | Cite as

Kokain- oder Amphetaminabhängigkeit

Psychosoziale Interventionen auf dem Prüfstand

  • Christoph FehrEmail author
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Fragestellung: Welche psychosozialen Therapien sind bei Kokain- oder Amphetaminabhängigkeit am wirksamsten?

Hintergrund: Eine Abhängigkeit von illegalen Drogen steht in westlichen Ländern auf Platz 15 der Ursachen eines vorzeitigen Verlusts von Lebensjahren in Gesundheit. Kokain- und Amphetamin sind die am häufigsten missbrauchten Stimulanzien bei 15- bis 64-Jährigen. Pharmakologische Strategien erbrachten bisher keinen eindeutigen Wirksamkeitshinweis bei der Kokain- oder Amphetaminabhängigkeit. Leitlinien empfehlen daher psychosoziale Therapien. Unklar blieb bisher, wie wirksam diese teilweise unterschiedlichen Interventionen im Vergleich sind.

Patienten und Methodik: Die Autoren führten ein systematisches Review und eine Netzwerkmetaanalyse von klinischen Studien durch, in denen die Wirksamkeit einer psychosozialen Therapie gegenüber einer aktiven Kontrollbedingung beziehungsweise Standardbehandlung verglichen wurde. Primäre Auswertungsgrößen der Studie waren die Effektivität (Anteil abstinenter Patienten, gemessen mit Urinkontrollen) und die Akzeptanz der Intervention (Anteil der Patienten, die aus irgendeinem Grund die Studie abgebrochen hatten) zum Ende der Therapie, nach zwölf Wochen Behandlung und zum spätesten Follow-up-Zeitpunkt (Spannweite: 16 bis 52 Wochen nach Behandlungsbeginn).

Ergebnisse: Es wurden 50 Studien mit 6.942 Teilnehmern identifiziert, in denen zwölf verschiedene psychosoziale Interventionen verglichen wurden. Die Kombination aus Kontingenzmanagement (Contigency management, CM) und einem individuellen psychosozialen Verstärkerprogramm (Community reinforcement approach, CRA) war als einzige Intervention sowohl am Therapieende (Odds Ratio [OR] 2,84), als auch zwölf Wochen nach Behandlungsbeginn (OR 7,60) sowie zum spätesten Follow-up-Zeitpunkt (OR 3,08) im Vergleich zur Standardbehandlung wirksam. Am Ende der Behandlung war CM plus CRA wirksamer als kognitive Verhaltenstherapie (KVT, OR 2,44), nicht kontingente Verstärker (OR 3,31) und ein 12-Schritte-Programm (OR 4,07). Auch zum spätesten Follow-up-Zeitpunkt war die Kombination aus CM und CRA besser wirksam als KVT allein, CM allein, CM plus KVT und dem 12-Schritte-Programm. Außerdem wies die Kombination aus CM und CRA zu den drei Untersuchungszeitpunkten auch die höchste Patientenakzeptanz auf.

Schlussfolgerungen: Die Kombination aus CM und CRA zeigt sowohl kurz- (12 Wochen) als auch mittelfristig (24–52 Wochen) die beste Wirksamkeit und Akzeptanz in der Behandlung der Kokain- oder Amphetaminabhängigkeit und sollte als Standardbehandlung allen Patienten angeboten werden.

Kommentar von Christoph Fehr, Frankfurt am Main

Leider in Deutschland noch zu selten eingesetzt

Langjährig und mehrfach kokain- und/oder amphetaminabhängige Patienten stellen eine erhebliche Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Politik, Psychiatrie, öffentliches Gesundheitssystem und die Suchthilfeeinrichtungen suchen gerade auch in Großstädten wie Frankfurt am Main nach Antworten. Eine flächendeckende Behandlung steht noch nicht zur Verfügung. Die oben dargestellte systematische Metaanalyse widmet sich der Frage, welche der zur Verfügung stehenden psychosozialen Therapien in kontrollierten klinischen Studien wirksam und akzeptabel waren. Hauptergebnis der Arbeit ist, dass die Kombination von zwei bisher in Deutschland noch wenig gebräuchlichen psychosozialen Therapien (Kontingenzmanagement, CM, plus Community Reinforcement Approach, CRA) die wirksamste und am besten akzeptierte Therapieoption darstellt. Gerade die CM-Strategie, welche abstinentes Verhalten (negative Urinproben) mit in einem Losvorgang ermittelten Geldgewinnen oder Gutscheinen verstärkt, erscheint auch im deutschen Behandlungsalltag eine eigentlich gut umsetzbare Strategie. Schon schwieriger ist die Implementierung von CRA. Beim CRA-Verfahren werden individuell bedeutsame psychosoziale Verstärker für das Abstinenzziel identifiziert, die dann in der gemeindenahen Therapie angeboten werden (z. B. Lohnersatzleistungen, Unterstützung bei der Suche nach Wohnraum etc.). Das Verfahren ist bei Lange et al. [1] gut dargestellt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die in der Suchtmedizin Tätigen bei der Umsetzung der Erkenntnisse der Studie nicht durch die Schwierigkeiten im Alltag hemmen lassen.

Prof. Dr. med. Christoph Fehr, Frankfurt am Main

Referenz

  1. 1.
    Lange W. Sucht 2008; 54: 13–23CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. De Crescenzo F, Ciabattini M, D’Alò GL et al. Comparative efficacy and acceptability of psychosocial interventions for individuals with cocaine and amphetamine addiction: A systematic review and network meta-analysis. PLoS Med 2018; 15: e1002715CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie, Psycho-therapie und PsychosomatikAgaplesion Markus KrankenhausFrankfurt am MainDeutschland

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