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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 11–11 | Cite as

Beeinflussbare Risikofaktoren von Demenzerkrankungen

Kognitiver Verfall bei über 50-Jährigen durch stundenlanges Fernsehen?

  • Thomas DuningEmail author
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Fragestellung: Diese Studie untersucht, inwieweit das Fernsehverhalten von über 50-Jährigen mit einem Rückgang der kognitiven Fähigkeiten einhergeht.

Hintergrund: Beeinflussbare Risikofaktoren einer Demenzerkrankung in Industrienationen spielen vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, der damit verbundenen dramatischen Zunahme der Erkrankungen und der noch fehlenden kausalen Therapieansätze eine immer größere Rolle.

Patienten und Methodik: Anhand von Daten aus der „English Longitudinal Study of Ageing“, an der 3.662 über 50-Jährige teilnahmen, wurden multivariate lineare Regressionsmodelle verwendet, um longitudinale Zusammenhänge zwischen dem Fernsehkonsum und Kognition zu Beginn der Studie und sechs Jahre später zu untersuchen. Die Analyse wurde für zahlreiche Confounder korrigiert, unter anderem demografische Faktoren, sozioökonomischer Status, Depression, körperliche Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Marker für „sitzende Verhaltensweisen“.

Ergebnisse: Nach sechs Jahren zeigten die Probanden, welche berichtet hatten, täglich mehr als 3,5 Stunden fernzusehen, einen signifikant stärkeren Rückgang der verbalen Gedächtnisleistung als diejenigen, die berichtet hatten, weniger als 2,5 Stunden täglich fernzusehen. Andere kognitive Domänen waren nicht betroffen. Zudem nahmen die kognitiven Defizite mit zunehmender Anzahl von Fernsehprogrammen zu. Die Assoziationen blieben nach Korrektur für zahlreiche Confounder signifikant.

Schlussfolgerung: Die Autoren folgern, dass ein erhöhter Fernsehkonsum bei gesunden Älteren zu kognitiven Defiziten, insbesondere im Hinblick auf die Merkfähigkeit, führt. Sie spekulieren, dass hierzu insbesondere der „aufmerksamkeitspassive Charakter“ des Fernsehens beiträgt.

Kommentar von Thomas Duning, Münster

Fernsehen macht dumm — naiv, wer diese Schlussfolgerung zieht

Fernsehen macht dumm und begünstigt das Auftreten einer Demenz. Das ist die Schlussfolgerung dieser in „Nature“ publizierten Arbeit. Ich denke, wer diese Schlussfolgerung nach Lesen dieser Studie zieht, ist naiv. Es erscheint äußerst verwunderlich, dass solche Studien recht hochrangig publiziert werden!

Wer glaubt im Ernst, dass man allein an der einmalig (nur zu Studienbeginn), von den Probanden geschätzten (und nicht kontrollierten) Zeit des Fernsehkonsums ablesen kann, wer in sechs Jahren eine Gedächtnisstörung entwickelt? Polemisch gesagt sind Probanden, die drei Stunden pro Tag „Aspekte“, „Weltspiegel“ und das „Literarische Quartett“ gucken, sicher von denen different, die dieselbe Zeitspanne „Frauentausch“, „Achtung Kontrolle“ oder „DSDS“ ansehen. Auch mit noch so vielen statistischen Korrekturverfahren wird man beide Gruppen nicht vergleichen können. Auch wurden nur die verbale Merkfähigkeit und die semantische Wortflüssigkeit untersucht. Das ist für den kognitiven Alltag irreal und hat mit einer Demenz nichts zu tun. Die Studie hinterlässt deutlich mehr Fragen, als brauchbare Antworten: Welche Auswirkungen haben die Fernsehinhalte? Bestehen überhaupt Zusammenhänge mit dem Auftreten einer Demenz? Ist Fernsehen nach dem Auftreten kognitiver Störungen auch schädlich? Warum ist nur die Merkfähigkeit betroffen?

Die Evidenzlage selbst für allgemein als etabliert geltende Risikofaktoren für kognitive Störungen und Demenzen (Bewegungsmangel, Rauchen, Hyperlipidämie etc.) ist sehr brüchig [1]. Diese Studie hilft nicht, sinnvolle Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch bei den aktuellen Medikamentenstudien werden immer wieder die klinischen Endpunkte kritisiert, welche die Alltagsrelevanz der Defizite nur unzureichend wiedergeben sollen. Man würde sich deshalb mehr gute klinisch-wissenschaftliche Studien wünschen, die valide Zusammenhänge zwischen neurodegenerativen Prozessen und kognitiven Defiziten herausarbeiten.

Ich denke, die Aussage der Studie ist dem Zeitgeist passend präsentiert und wird allenthalben lebhaft zitiert, ist jedoch vom wissenschaftlichen Niveau her niedrig und verzichtbar. Lesen Sie solche plakativen Studienergebnisse kritisch! Ich werde nun „Sportschau“ gucken gehen ...

Prof. Dr. med. Thomas Duning, Münster

Referenz

  1. 1.
    Etgen T et al. Dtsch Arztebl Int 2011; 108: 743–50PubMedPubMedCentralGoogle Scholar

Literatur

  1. Fancourt D, Steptoe A. Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing. Sci Rep 2019; 9: 2851CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale NeurologieUniversitätsklinikum MünsterMünsterDeutschland

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