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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 24–24 | Cite as

Multiple Sklerose

Wie beeinflussen Menarche, Schwangerschaft und Stillen den Verlauf der MS?

  • Til MengeEmail author
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Fragestellung: Welchen Einfluss haben Menarche, Schwangerschaften und Stillen bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom (CIS) auf das Konversionsrisiko zu einer Multiplen Sklerose (MS) beziehungsweise für eine Behinderungsprogression?

Hintergrund: Frauen haben ein höheres Risiko, an MS zu erkranken. Der natürliche Krankheitsverlauf zeigt ein gegenüber männlichen CIS-Patienten verzögertes Eintreten des zweiten MS-Schubes bei Frauen. In der Schwangerschaft sinkt die Krankheitsaktivität und nimmt post partum wieder zu. Eine protektive Rolle der weiblichen Sexualhormone kann also angenommen werden.

Patienten und Methodik: Es erfolgte eine Querschnittsbefragung der reproduktiven Informationen von Patientinnen einer großen prospektiven CIS-Kohorte. Untersucht wurden die Altersbeziehung der Menarche mit dem Risiko einer klinisch definierten MS (CDMS), einer MS nach den McDonald-Kriterien von 2010 (McD-2010) oder dem Erreichen der Behinderungsmeilensteine EDSS 3,0 oder 6,0. Die Auswirkungen einer Schwangerschaft (vor und nach CIS-Diagnose) und des Stillens bei CDMS, McD-2010 und EDSS 3,0 wurden ebenfalls untersucht.

Ergebnisse: Die Daten von 501 Patientinnen wurden erhoben. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 9,5 Jahre. In dieser Zeit konvertierten 61 % der Patientinnen zu einer MS nach McD-2010-Kriterien, 13 % erreichten einen EDSS von 3,0 und 2,5 % von 6,0. Vor oder nach der CIS-Diagnose waren 60 % der Patientinnen mindestens einmal schwanger. Das Menarchealter korrelierte nicht mit dem Alter bei CIS-Diagnose und war nicht mit dem Risiko von CDMS oder den EDSS-Meilensteinen assoziiert. Eine Schwangerschaft vor CIS-Diagnose war für CDMS in der univariaten Analyse protektiv; dieser Effekt hatte aber im multivariaten Modell keinen Bestand mehr und modifizierte auch nicht das Risiko für das Erreichen von EDSS 3,0. Eine Schwangerschaft nach CIS-Diagnose war in univariaten und multivariaten Analysen protektiv, solange die Schwangerschaft als Baseline-Variable betrachtet wurde. Der protektive Effekt verschwand jedoch, wenn Schwangerschaft als zeitabhängiges Ereignis analysiert wurde. Stillen hatte keinen Einfluss auf das Risiko der drei Endpunkte.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass Menarche, Schwangerschaften und Stillen die Krankheitsprogression nicht wesentlich beeinflussten.

Kommentar von Til Menge, Düsseldorf

Kein Effekt auf den kurz- und langfristigen Krankheitsverlauf

Diese Studie fußt auf 1.196 CIS-Patienten, die seit 1995 systematisch prospektiv beobachtet wurden [1]. Knapp 70 % davon sind Frauen, von denen knapp zwei Drittel den ergänzenden Fragebogen zu Menarche, Schwangerschaften und Stillverhalten ausfüllten. So entstand die Kohortengröße von 501 Patientinnen. Es wurde nicht nur eine multivariate Analyse durchgeführt, sondern Schwangerschaft und Stillen wurden auf zwei verschiedene Arten betrachtet. Zum einen wurden sie dichotom als Baseline-Variable gewertet (schwanger vs. nicht schwanger; stillen vs. nicht stillen). Zum anderen wurde argumentiert, dass eine CIS-Patientin bis zum Eintritt der Schwangerschaft mit Blick auf die MS-Pathophysiologie nicht schwanger ist, statistisch wurde der Status also erst im Verlauf geändert. Und unter dieser Bedingung hatte eine Schwangerschaft dann keinen protektiven Einfluss mehr auf den Krankheitsverlauf. Zudem argumentierten die Autoren, dass es bei der Variable Schwangerschaft möglicherweise einen Bias gibt, weil vielleicht weniger stark betroffene Patientinnen eher schwanger werden als solche mit hochaktivem Verlauf, was aber in einer zusätzlich durchgeführten PSM-Analyse nicht bestätigt wurde. Die Diskrepanz zu anderen Arbeiten erklären die Autoren zum einen mit dieser erweiterten Methodik, zum anderen damit, dass sie eine Kohorte erkrankter Patientinnen prospektiv untersuchten und nicht retrospektiv Gesunde mit Patientinnen verglichen. Schlussendlich haben nach dieser Analyse Menarche und Stillen, vor allem aber Schwangerschaften, keinen, oder einen viel geringeren Einfluss auf den Erkrankungsverlauf als die T2-Last im MRT und die Präsenz oligoklonaler Banden zum Zeitpunkt der CIS-Diagnose [1].

PD Dr. med. Til Menge, Düsseldorf

Referenz

  1. 1.
    Tintoré M et al. Brain 2015; 138: 1863–74CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. Zuluaga MI, Otero-Romero S, Rovira A et al. Menarche, pregnancies, and breastfeeding do not modify long-term prognosis in multiple sclerosis. Neurology. 2019; 92: e1507–16CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Zentrum für Neurologie und Neuropsychiatrie; LVR-Klinikum DüsseldorfDüsseldorfDeutschland

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