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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 15–15 | Cite as

Transkranielle Gleichstromstimulation bei chronischer Aphasie nach Schlaganfall

Effekt des Sprachtrainings wird verbessert

  • Christian GrefkesEmail author
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Fragestellung: Die Studie prüft, ob die Kombination einer anodalen transkraniellen Gleichstromstimulation (a-tDCS) die Wirkung eines Sprachtrainings bei Schlaganfallpatienten mit chronischer Aphasie verbessern kann.

Hintergrund: Eine persistierende aphasische Störung hat große Auswirkungen auf die Lebensqualität von Schlaganfallpatienten. Logopädische Therapien können zwar Verbesserungen der Sprachstörung bewirken, die Effektstärke ist jedoch oft nur gering. Eine transkranielle Hirnstimulation kann die Plastizität der stimulierten Hirnregion erhöhen und somit den Effekt eines Trainings verstärken.

Patienten und Methodik: Die prospektive, doppelblinde, randomisierte kontrollierte Studie prüfte bei 74 Patienten mit chronischer (> 6 Monate) Aphasie nach einem erstmaligen linkshemisphärischen ischämischen Infarkt den Effekt einer a-tDCS während eines Sprachtrainings über drei Wochen (15 Sitzungen à 45 min). Die Studie war im Nicht-Überlegenheits-Design (Futility-Design) angelegt. Die Stimulation wurde über den funktionell intakten temporalen Kortex der linken Hemisphäre appliziert, was mittels Sprach-fMRT zuvor individuell identifiziert wurde. Als Vergleich diente eine Kontrollgruppe, welche eine Scheinstimulation erhielt. Der primäre Outcome-Parameter war die Verbesserung in einer Benennaufgabe, welche vor und nach der Interventionsphase getestet wurde.

Ergebnisse: Die Intervention wurde gut toleriert. Die Analyse des primären Outcome-Parameters eine Woche nach Intervention ergab einen Anstieg der korrekt benannten Items um 13,9 für die Verum- und 8,2 für die Scheinstimulationsgruppe. Nach vier Wochen konnten in der Verumgruppe weiterhin eine höhere Benennleistung (16,8) im Vergleich zur Scheinstimulation (9,4) verzeichnet werden, auch nach etwa sechs Monaten bestand ein Unterschied zwischen Verum (14,9) und Placebo (7,1). Die Intention-to-treat-Analyse (n = 74) ergab, dass die Nullhypothese nicht zurückgewiesen werden kann. Im Rahmen des Futility-Designs bedeutet dies, dass ein Therapieeffekt der anodalen tDCS-Intervention nicht ausgeschlossen werden kann.

Schlussfolgerung: Bei Schlaganfallpatienten mit chronischer Aphasie könnte eine anodale Gleichstromstimulation über sprachrelevanten Arealen der linken Hemisphäre den Effekt eines Sprachtrainings verstärken.

Kommentar von Christian Grefkes, Köln

Vielversprechende Daten

Die nicht invasive Neuromodulation zur Unterstützung der funktionellen Reorganisation nach Hirnläsionen hat es bisher noch nicht geschafft, fester Bestandteil der neurorehabilitativen Behandlung von Schlaganfallpatienten zu werden. Eine Ursache hierfür ist das Fehlen ausreichend gepowerter klinischer Studien [1]. Die hier vorliegende Arbeit stellt einen wichtigen Beitrag dar, das Feld im Bereich der Rehabilitation aphasischer Störungen voranzubringen. Die relative Verbesserungen der Sprachleistung, welche unter anodaler tDCS in Kombination mit einem Sprachtraining im Vergleich zur Scheinstimulation erzielt wurden, fallen mit 70 % zunächst eindrucksvoll aus. Die Autoren weisen jedoch zu recht darauf hin, dass das Design der Studie nicht darauf ausgelegt war, um eine Überlegenheit der tDCS-Stimulation nachzuweisen. Das verwendete „Futility“-Design hat das Ziel, das Potenzial einer Intervention zu bewerten und unwirksame Therapien vor der Durchführung einer Phase-III-Studie zu identifizieren [2]. Der Vorteil dieses Studiendesigns liegt in den statistischen Vorannahmen, was sich günstig auf die Fallzahlberechnungen auswirkt, sodass anhand einer relativ kleinen Stichprobe geprüft werden kann, ob ein Verfahren es wert ist, in eine aufwendige (und teure) Phase-III-Studie überführt zu werden. Genau so ist das Ergebnis dieser Phase-II-Studie zu werten, nämlich dass anodale tDCS als vielversprechend erscheint, in einer Phase-III-Studie auf Überlegenheit geprüft zu werden. Ob sich in einer solchen Phase-III-Studie mit höherer Fallzahl auch ein fMRT-Sprachmapping zur funktionellen Lokalisation der Stimulationselektroden einsetzen lässt, bleibt offen. Auch bleibt noch zu prüfen, inwieweit sich die verbesserte Benennleistung der Patienten auf die Lebensqualität auswirkt. Die vorliegenden Daten stimmen aber hoffnungsvoll, dass mittels tDCS Verbesserungen der Sprachfähigkeit von Patienten mit persistierender aphasischer Störung erzielt werden können.

Univ.-Prof. Dr. med. Christian Grefkes, Köln

Referenzen

  1. 1.
    Grefkes C, Fink GR. Curr Opin Neuro 2016; 29: 714–20CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Levin B. Contemp Clin Trials 2015; 45(Pt A): 69–75CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. Fridriksson J, Rorden C, Elm J et al. Transcranial direct current stimulation vs sham stimulation to treat aphasia after stroke: A randomized clinical trial. JAMA Neurol 2018; 75: 1470–6CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für NeurologieUniklinik KölnKölnDeutschland

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