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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 18–18 | Cite as

Ursachen der Parkinson-Krankheit im Fokus

Mit Zwillingsstudien der genetischen Komponente auf der Spur

  • Günther DeuschlEmail author
journal club
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Fragestellung: Zwillingsstudien können zur Erblichkeit von Erkrankungen auch in der Ära der genetischen Medizin noch beitragen, da sie auch die erblichen Einflüsse erfassen, deren genetischer Hintergrund nicht bekannt ist und besonders die nicht-erblichen Anteile erfassen können.

Hintergrund: In der bislang größten Zwillingskohorte bei der mindestens bei einem der Zwillingsgeschwister eine Parkinson-Krankheit aufgetreten war, kann nach Versterben fast der gesamten Population eine abschließende Beurteilung erblicher und nicht erblicher Einflüsse auf die Krankheitsentstehung vorgenommen werden — soweit Zwillingsstudien dazu beitragen können.

Patienten und Methoden: Die Studie basiert auf dem US-amerikanischen Zwillingsregister, das bereits in früheren Publikationen 1999 [1] und 2007 [2] analysiert worden war. Jetzt wurden die früher untersuchten Zwillingspaare (230 Paare entsprechend 460 Individuen) anhand des Sterberegisters identifiziert und die Todesursache mit den vorhandenen Daten abgeglichen. Neben den bereits bekannten Parkinson-Patienten wurden weiter hinzukommende Patienten anhand des Sterberegisters (ICD-10: G 20) identifiziert.

Ergebnisse: Insgesamt wurden mit den oben genannten Kriterien 253 Parkinson-Patienten identifiziert. Bei 30 Paaren bestand eine konkordante Diagnose (16 monozygot, 14 dizygot) und 193 Paare wiesen eine diskordante Diagnose (80 monozygot, 110 dizygot, 3 unbekannt) auf. Die probandenweise Konkordanz lag bei 0,2 für monozygote und 0,13 für dizygote Paare (nicht signifikant).

Die Erblichkeit lag bei insgesamt 27 %. Für Paare mit Krankheitsbeginn unter 50 Jahren liegt die Erblichkeit bei 0,83 und für Paare über 50 Jahren bei 0,19. Wenn Prodromalkriterien (Hyposmie, isolierter Ruhetremor oder isolierte Bradykinese) bei der letzten Untersuchung 2007 als bestätigend für die Diagnose hinzugenommen werden, steigt die Erblichkeit auf 31 % und die Konkordanz wird signifikant höher für monozygote als für dizygote Zwillinge.

Schlussfolgerungen: Die Erblichkeit liegt insgesamt bei 27 % und ist bei früher beginnender Erkrankung höher. Umweltfaktoren spielen für die Krankheitsentstehung eine bedeutsame Rolle.

Kommentar von Günther Deuschl, Kiel

Umweltfaktoren müssen weiter untersucht werden

Die vorliegende Studie stimmt gut mit Schätzungen aufgrund detaillierter genetischer Untersuchungen überein, nach denen etwa 25–30 % der Parkinson-Erkrankungen einen genetischen Hintergrund haben und dass es sich dabei vor allem um die Patienten mit einem frühen Erkrankungsbeginn handelt. Die Tatsache, dass dennoch keine mit den verfügbaren genetischen Tests fassbaren ursächlichen Gene identifiziert werden konnten zeigt, dass hier noch Raum für die Aufklärung neuer Varianten besteht.

Einschränkend muss gesagt werden, dass nicht alle 2018 bekannten Varianten getestet wurden. Die Konkordanz bei mono- und dizygoten Zwillingen war nicht signifikant unterschiedlich und wurde erst bei Hinzunahme von unsicheren Kriterien signifikant. Dies zeigt die begrenzte Bedeutung von genetischen Faktoren bei einem Krankheitsbeginn im Alter über 50 Jahren.

Ebenso erstaunlich ist die Tatsache, dass dizygote Zwillinge eine sehr hohe Konkordanz haben. Mit 13 % liegt diese deutlich über dem Risiko von 2 % in der Kontrollpopulation. Dies zeigt, dass intrauterine Faktoren und Umweltfaktoren in der Kindheit eine erhebliche Rolle spielen.

Diese Langzeitstudie ist bedeutsam, weil sie gezeigt hat, was maximal aus Zwillingsstudien für die Parkinson-Krankheit geschlossen werden kann. Sie hat neben der (begrenzten) Bedeutung genetischer Ursachen vor allem auch auf Umweltursachen verwiesen, von denen einige gut bekannt sind, die derzeit aber vielleicht zu wenig untersucht werden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Günther Deuschl, Kiel

Referenzen

  1. 1.
    Tanner CM et al. Jama 1999; 281: 341–6CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Tanner CM et al. Neurology 2007; 68: A86CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. Goldman SM, Marek K, Ottman R et al. Concordance for parkinson’s disease in twins: A 20-year update. Ann Neurol 2019; 85: 600–5CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel (UKSH)KielDeutschland

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