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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 21, Issue 6, pp 3–3 | Cite as

Neue Medikamente zur Prophylaxe der Migräne — ein wirklicher Fortschritt?

  • Springer Medizin
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© Motortion/Getty Images/iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

Die Therapie akuter Migräneattacken und die Prophylaxe der Migräne waren lange Zeit unbefriedigend und schwierig. Traditionelle Medikamente zur Migräneprophylaxe waren Betarezeptorenblocker, Flunarizin, die Antiepileptika Topiramat oder Valproinsäure und das Antidepressivum Amitriptylin. Diese Substanzen waren wirksam, allerdings bei Patienten nicht sehr populär. Das lag daran, dass sie viele Nebenwirkungen hatten und die Wirkung nur sehr langsam eintrat. Die Wirkung der bisherigen Migränemittel wurde zufällig entdeckt, wenn diese Substanzen in der ursprünglichen Indikation eingesetzt wurden. Dies gilt auch für Botulinumtoxin dessen Wirksamkeit bei der Migräne in der Behandlung von Falten im Gesicht entdeckt wurde.

Schon seit über 20 Jahren ist bekannt, dass Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Migräne spielt. Ein neuer Ansatz ist die Entwicklung von Antikörpern gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor. Die vier bisher entwickelten Substanzen Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab sind in großen placebokontrollierten Studien bei der Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne untersucht worden. Alle monoklonalen Antikörper sind wirksamer als Placebo, wobei die 50 %-Responderrate im Mittel zwischen 25 % und 40 % liegt. In indirekten Vergleichen sind die monklonalen Antikörper allerdings nicht wirksamer als die herkömmlichen Medikamente zur Migräneprophylaxe. Die monoklonalen Antikörper sind auch bei der chronischen Migräne wirksam und interessanterweise auch bei Patienten die einen chronischen Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln haben.

Drei monoklonale Antikörper sind in der Zwischenzeit in Deutschland eingeführt (Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab). Hauptproblem sind im Moment die hohen jährlichen Behandlungskosten, die zum Beispiel für Erenumab bei 8.260 € liegen. Daher hat der Gemeinsame Bundesausschuss die Erstattung von Erenumab sehr restriktiv gehandhabt. Eine Erstattung zulasten der gesetzlichen Krankenkassen ist nur dann möglich, wenn bei der episodischen Migräne vier Medikamentengruppen zur Prophylaxe der Migräne entweder nicht wirksam waren, nicht vertragen wurden oder kontraindiziert sind. Bei der Behandlung der chronischen Migräne müssen sechs Medikamentengruppen einschließlich Botulinumtoxin vergeblich eingesetzt worden sein. Nach Angaben von Novartis und Amgen werden in Deutschland im Moment 7.000 Patienten mit Erenumab behandelt; weltweit sind es 200.000.

Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass neue und sehr teure Therapien in ihrer Indikation und Anwendung zunächst eingeschränkt werden. Mit der derzeitigen Einschränkung besteht allerdings ein ethisches Problem, da es eine nicht unerhebliche Zahl von Patienten gibt, bei denen bereits vor Einleitung einer medikamentösen Migräneprophylaxe abzusehen ist, dass sie nicht vertragen wird oder Patienten sie wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen abbrechen. Ein typisches Beispiel ist ein Patient mit einem ausgeprägten metabolischen Syndrom, bei dem der Einsatz von Betablockern, Flunarizin, Valproinsäure oder Amitriptylin zu einer Gewichtszunahme und damit einer Verschlechterung des metabolischen Syndroms führen würde.

Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen E-Mail: h.diener@uni-essen.de

Ein weiteres Problem der monoklonalen Antikörper ist die Tatsache, dass im Moment noch zu wenig über die Langzeitsicherheit bekannt ist. Zweifelsfrei haben die neuen monoklonalen Antikörper ein sehr gutes Nebenwirkungsprofil. Hier zeichnet sich in den USA aber ab, dass Therapieabbrüche wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen im klinischen Alltag häufiger sind als in den randomisierten Studien.

Bei aller Begeisterung für die neuen monoklonalen Antikörper und ihre gute Wirkung sollte nicht übersehen werden, dass die nicht medikamentöse Migräneprophylaxe mindestens genauso wirksam ist wie eine medikamentöse Migräneprophylaxe. Idealerweise sollten eine medikamentöse und nicht medikamentöse Migräneprophylaxe kombiniert werden (siehe Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie).

Hans-Christoph Diener, Essen

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