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InFo Neurologie & Psychiatrie

, Volume 20, Issue 7–8, pp 14–14 | Cite as

Therapie des Fibromyalgie-Syndroms

Tai-Chi wirksamer als aerobes Ausdauertraining

  • Patrick Jung
journal club

Fragestellung: Wie wirksam ist Tai-Chi im Vergleich zu aerobem Ausdauertraining beim Fibromyalgie-Syndrom?

Hintergrund: Das Fibromyalgie-Syndrom stellt ein komplexes Krankheitsbild mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen, Schlafstörungen, Fatigue sowie körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen dar. Etwa 2 % der Bevölkerung sind betroffen. Die Leitlinien empfehlen moderates aerobes Ausdauertraining als zentrale, nicht medikamentöse Behandlungsmaßnahme. Mehrere kleinere Studien legten eine Wirksamkeit von Tai-Chi nahe. Diese Studie verglich erstmals die Wirksamkeit von Tai-Chi mit aerobem Ausdauertraining.

Patienten und Methodik: 226 Patienten mit Fibromyalgie-Syndrom wurden entweder einer Behandlung durch supervidiertes aerobes Ausdauertraining (zweimal wöchentlich über 24 Wochen) oder einer von vier supervidierten Tai-Chi-Interventionen nach dem klassischen Yang-Stil (ein- oder zweimal wöchentlich über 12 oder 24 Wochen) randomisiert zugeteilt und über insgesamt 52 Wochen beobachtet. Die Teilnehmer wurden dazu angeregt, das erlernte Training täglich mindestens 30 Minuten durchzuführen. Primäre Zielvariable war die Änderung des Punktwerts im FIQR (Revised Fibromyalgia Impact Questionnaire, 0–100 Punkte, höhere Punktwerte zeigen eine schwerere Symptomatik an) nach 24 Wochen.

Ergebnisse: In allen Interventionsgruppen hatte der FIQR nach 24 Wochen abgenommen (−9,2 bis −25,4). Der Effekt war auch nach 52 Wochen noch nachzuweisen (−11,7 bis −22,7). Die Kombination aller Tai-Chi-Interventionen zeigte nach 24 Wochen eine signifikante Besserung im FIQR (5,5 Punkte, 95 %-Konfidenzintervall 0,6–10,4, p = 0,03) und in einigen sekundären Parametern (Angstsymptome, Selbstwirksamkeit, Bewältigungsstrategien, subjektive globale Einschätzung). Die Tai-Chi-Interventionen waren wirksamer, wenn sie 24 statt zwölf Wochen durchgeführt wurden, wobei die wöchentliche Frequenz keinen Einfluss hatte. Die Tai-Chi-Intervention, die in gleicher Frequenz und Dauer wie das aerobe Ausdauertraining durchgeführt wurde, war deutlich wirksamer als das Ausdauertraining (FIQR 16,2 Punkte, 8,7–23,6, p < 0,001). Zudem nahmen die Patienten häufiger an den Tai-Chi- als an den Ausdauertrainingseinheiten teil (62 % vs. 40 %).

Schlussfolgerungen: Tai-Chi war beim Fibromyalgie-Syndrom gleich oder besser wirksam als aerobes Ausdauertraining. Längere Interventionen von 24 Wochen waren kürzeren über zwölf Wochen überlegen.

Kommentar von Patrick Jung, Mainz/Frankfurt am Main

Tai-Chi sollte fester Bestandteil der Fibromyalgie-Behandlung werden

Bei einer für eine monozentrische Untersuchung hohen Fallzahl zeigt diese einfachblinde randomisierte kontrollierte Studie eine hohe methodische Qualität (Jadad-Score 4). Das Problem der fehlenden doppelten Verblindung ist bei solchen Ansätzen kaum zu lösen. Tai-Chi erwies sich bereits in vorherigen Studien bei Fibromyalgie und anderen muskuloskelettalen chronischen Schmerzstörungen als wirksam. Im Gegensatz zu Tai-Chi ist aerobes Ausdauertraining als Baustein der multimodalen Fibromyalgie-Behandlung etabliert. Die Studie von Wang et al. weist erstmals eine gleiche oder bessere Wirksamkeit von Tai-Chi beim Fibromyalgie-Syndrom nach. Der von den Autoren als primäre Zielvariable gewählte FIQR ist für das Fibromyalgie-Syndrom gut validiert und bildet mehrere Facetten des Fibromyalgie-Syndroms ab (Schmerzen, körperliche Belastbarkeit, Fatigue, Morgensteifigkeit, depressive und ängstliche Symptome, berufliche Schwierigkeiten, allgemeines Wohlbefinden). Verbesserungen im FIQR von ≥ 8 Punkten sind als klinisch relevant anzusehen. Alle Interventionen, auch das aerobe Ausdauertraining, zeigten daher klinisch relevante und auch 24 Wochen nach Beendigung der Intervention anhaltende Effekte. Zudem nahmen die Patienten in allen Interventionsgruppen weniger Analgetika ein. Es erscheint plausibel, dass Tai-Chi hier wirksamer als aerobes Ausdauertraining ist, da es auch meditativ-entspannende Komponenten und Achtsamkeitsübungen enthält. Ausfallraten von 11–28 % nach 24 und von 25–35 % nach 52 Wochen sowie Teilnahmequoten an den Interventionseinheiten von 40–62 % untermauern, dass beim Fibromyalgie-Syndrom ein schwierig zu motivierendes Patientenkollektiv vorliegt. Daher ist es wünschenswert, diesen Patienten mehrere wirksame und von der GKV erstattungsfähige Therapieoptionen anbieten zu können. Auch wenn eine multizentrische randomisierte kontrollierte Studie zur Verallgemeinerung der Ergebnisse zu fordern ist, sollte die Untersuchung von Wang et al. Anlass geben, Tai-Chi als festen Bestandteil der Fibromyalgie-Behandlung zu berücksichtigen.

Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Jung

Literatur

  1. Wang C, Schmid CH, Fielding RA et al. Effect of tai chi versus aerobic exercise for fibromyalgia: comparative effectiveness randomized controlled trial. BMJ 2018; 360: k851CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Psychiatrie und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz, Neuropsychiatrisches Zentrum Frankfurt-SachsenhausenFrankfurt-SachsenhausenDeutschland

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