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InFo Hämatologie + Onkologie

, Volume 22, Issue 9, pp 3–5 | Cite as

Schwerpunkt NSCLC

Das NSCLC — Modell für Interdisziplinarität und Entwicklung neuer Therapien

  • Springer Medizin
editorial
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© Springer Medizin

Prof. Dr. Martin Reck

Airway Research Center North (ARCN), deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL)

LungenClinic Grosshansdorf

M.Reck@lungenclinic.de

© mannes-foto

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gibt wohl wenige solide Tumoren, bei denen wir in den letzten Jahren eine derart rasante Entwicklung von neuen Therapiemöglichkeiten gesehen haben, wie beim nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC). Und: Die neuen Behandlungsoptionen sind verbunden mit einer eindrucksvollen Verbesserung der Prognose für Patienten. Dieser faszinierende Wandel ist zum einen durch die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit und durch neue technische Möglichkeiten bedingt; zum anderen resultiert er aus bahnbrechenden neuen Erkenntnissen und Entdeckungen im Bereich der medikamentösen Behandlung.

Ich freue mich und bin auch stolz, dass ich Ihnen heute zusammen mit drei sehr kompetenten Kolleginnen und Kollegen einen Überblick geben darf über die vielfältigen neuen Aspekte, mit denen wir uns aktuell in den verschiedenen Fachgebieten auseinandersetzen.

Beitrag 1 — Thoraxchirurgie

Zu Beginn wird Sönke von Weihe die relevanten Veränderungen in der Thoraxchirurgie beleuchten, die ja nach wie vor die wichtigste kurative lokale Behandlung ist, die uns zur Verfügung steht. Neben den endoskopisch gesteuerten Eingriffen — mittlerweile ein Standard in der Thoraxchirurgie — ist ein zentraler Punkt die Weiterentwicklung von gewebesparenden Eingriffen. Mit diesen soll die Rate an Pneumonektomien weiter gesenkt und damit die respiratorische Funktion des Patienten so gering wie möglich eingeschränkt werden. Eine zunehmende Herausforderung stellen Resektionen im multimodalen Setting sowie Resektionen in anatomischen Grenzsituationen dar, die in der Vergangenheit als nicht resektabel betrachtet wurden. Bei solchen Grenzsituationen ergeben sich heutzutage aber völlig neue Möglichkeiten durch technische Entwicklungen und multidisziplinäre Ansätze.

In der Thoraxchirurgie und in allen anderen Disziplinen ist es für das Wohl des Patienten von entscheidender Bedeutung, dass Kliniken tägliche Erfahrung und Expertise für diese teilweise hoch spezialisierten Verfahren aufweisen. ▶Seite 12

Beitrag 2 — Strahlentherapie

In diesem Teil beleuchtet Florian Würschmidt die faszinierenden Veränderungen in der zweiten Lokaltherapie des Lungenkarzinoms, der Strahlentherapie (RT). Grundlegende Erneuerungen in der Bildgebung und in der Technik der RT ermöglichen es, dass wir durch PET(Positronenemissionscomputertomografie)-gesteuerte Bildgebung und dynamische, atemgetriggerte RT-Verfahren in der Lage sind, Lungenkarzinome wesentlich gezielter und komplikationsärmer zu bestrahlen. Während die Definition der optimalen Strahlendosis weiterhin Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion ist, hat sich die stereotaktische lokale RT als wertvolles Instrument der Behandlung etabliert. Sowohl in der Behandlung von Metastasen wie auch in der Behandlung von Primärtumoren bei Patienten, die funktionell nicht operabel sind, ist die Stereotaxie eine gut verträgliche, hoch effektive neue Therapieoption. Ähnlich wie in der Thoraxchirurgie ist auch für die RT der interdisziplinäre Kontext zunehmend von Bedeutung. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in der Implementierung der Immuntherapie in der Konsolidierungsbehandlung von lokal fortgeschrittenen Tumoren nach Chemoradiotherapie, die sich innerhalb kürzester Zeit zum neuen Standard entwickelt hat. ▶Seite 18

Beitrag 3 — Systemtherapie

Auch in der Systemtherapie haben sich die Behandlungschancen grundlegend verbessert. Marlitt Horn berichtet in ihrer Übersicht über den radikalen Paradigmenwechsel in der Therapie des fortgeschrittenen Lungenkarzinoms. Neben der kontinuierlichen Modifikation der Chemotherapie geht es dabei im Wesentlichen um zwei Prinzipien:
  • Die Entdeckung von behandelbaren genetischen Alterationen bei einer immer größer werdenden Gruppe von Patienten. Aufgrund von zielgerichteten oralen Therapien bietet die Identifikation solche Alterationen ungeahnte Chancen.

  • Der Einsatz von Immuntherapien, der zu einem kompletten Umdenken beim Lungenkarzinom geführt hat.

Neben dem immer größer werdenden „Strauß“ von „targeted therapies“ helfen uns innovative hoch sensitive Verfahren auch sehr seltene molekulare Aberrationen zu identifizieren. Dazu zählen etwa die Translokationen von Genen für die NTRK 1–3 („neurotrophic receptor tyrosine kinase 1–3“) oder die Met-Exon-14-Skipping-Mutation, die wir mittlerweile äußerst effektiv gezielt behandeln können. Bei den Patienten ohne behandelbare molekulare Alterationen, die in unserem überwiegend kaukasischem Patientenkollektiv immer noch die Mehrheit darstellen, beobachten wir durch den Einsatz der Immuntherapie in atemberaubender Geschwindigkeit eine Verbesserung der Effektivität. Nachdem sich die Checkpointinhibitoren erst vor wenigen Jahren rasch als Standard beim vorbehandelten Lungenkarzinom etabliert hatten, bestimmen sie seit dem letzten Jahr zunehmend die Erstlinientherapie — entweder als Monotherapie bei selektierten Patienten oder in Kombination mit einer Chemotherapie.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen: Neben der Bestätigung der Wirksamkeit auch bei anderen thorakalen Tumoren wie dem kleinzelligen Lungenkarzinom, gibt es immer mehr Hinweise, dass die Immuntherapie auch einen herausragenden Stellenwert in frühen, nicht metastasierten Stadien des Lungenkarzinoms einnehmen wird. In Ergänzung zu der oben erwähnten Konsolidierungstherapie beim lokal fortgeschrittenen Lungenkarzinom wird in zahlreiche Studien die Wirksamkeit einer präoperativen Immuntherapie entweder allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie geprüft. In diesem Bereich wird erneut die interdisziplinäre Zusammenarbeit von großer Bedeutung sein, genauso wie in der intensiven Behandlung des oligometastastischen Lungenkarzinoms. Letzteres ist eine Sonderform des metastasierten Lungenkarzinoms mit einzelnen Fernmetastasen, für das es mehr und mehr Ergebnisse gibt, dass ein abgestimmter multidisziplinärer Ansatz die Aussicht auf langfristige Tumorkontrolle und vielleicht auch Heilung deutlich verbessern kann. ▶Seite 24

Beitrag 4 — Rezidiverkennung

Nicht vergessen sollte man bei allen therapeutischen Entwicklungen die Früherkennung mit ihrem direkten Einfluss auf die Prognose. Iris Watermann stellt in ihrem Beitrag ein Projekt zur Rezidiverkennung vor, dass im Deutschen Zentrum für Lungenforschung an verschiedenen Standorten in Deutschland durchgeführt wird. An Patienten, die kurativ operiert worden sind, werden im Rahmen der Nachuntersuchungen Blut- und Atemgasmarker geprüft, die prädiktiv für das Vorliegen eines Lungenkarzinoms sein könnten. Bei Bestätigung wären diese nicht invasiven Marker ein höchst attraktiver, ergänzender Ansatz zum radiologischen Screening mittels Low-Dose-Computertomografie. ▶Seite 30

Fazit

Zusammenfassend zeigt sich ein Wandel in den Behandlungsmöglichkeiten des Lungenkarzinoms mit unmittelbarer Bedeutung für die Patienten, den wir noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten.

Für die Zukunft werden vor allem zwei Punkte zunehmend wichtig werden:
  • Neben der klinischen Forschung, die in Deutschland auf allen Ebenen unterstützt werden sollte, brauchen wir genauso eine Unterstützung der Lungenkrebszentren, die eine strukturierte Qualität von Diagnostik und Therapie fordern und monitorieren.

  • Darüber hinaus muss bei aller wissenschaftlicher Begeisterung der Patient und das Wohlergehen des Patienten im Zentrum aller Bemühungen stehen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und etwas von unserer Begeisterung bei der Lektüre der Artikel, bedanke mich bei meinen Koautorinnen und Koautoren für ihre großartige Unterstützung und freue mich auf eine spannende Zukunft!

Ihr

Martin Reck

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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