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InFo Hämatologie + Onkologie

, Volume 22, Issue 3, pp 55–56 | Cite as

Ulrich R. Kleeberg zum Ehrenschriftleiter ernannt

Ein Pionier tritt ins zweite Glied

  • Moritz Borchers
onkologie aktuell
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Mit dem Ausscheiden aus der niedergelassenen Praxis wechselt Ulrich R. Kleeberg mit dem Ende des ersten Quartals 2019 von der aktiven in die Ehrenschriftleitung der InFo Hämatologie + Onkologie. Wir haben aus diesem Anlass mit ihm zusammen zurückgeblickt — und festgestellt: Kleebergs spektakuläre Vita liest sich wie ein Abriss von Zeitgeschichte und moderner Onkologie.

Prof. Dr. Ulrich R. Kleeberg Gründer und Schriftleiter der InFo Hämatologie + Onkologie. Bis Januar 2019 als niedergelassener Hämatoonkologie in Hamburg tätig. Ulrich.Kleeberg@hopa.de

© HOPA, Hamburg Altona

1916 schlagen die beiden Chemiker Wilhelm Lommel und Wilhelm Steinkopf in Berlin vor, Senfgas als Kampfstoff einzusetzen, weshalb es auch Lost (für Lommel/Steinkopf) genannt wird. Schon als Schüler kennt der 1938 geborene Ulrich R. Kleeberg die Lost-Geschichte sehr genau — Lommel ist ein angeheirateter Urgroßonkel der Familie. Ursprünglich sei das Lost um 1890 als Kartoffelkäfergift auf Geheiß Kaiser Wilhelms infolge einer Hungersnot entwickelt worden, erinnert sich Kleeberg. 1917 sei das Gift dann erstmals von deutschen Truppen im belgischen Ypern eingesetzt worden (daher heißt das Lost auch „Yperit“). Als deutlich später erste Hinweise auf eine antitumorale Wirkung der Lost-Derivate aus den USA nach Deutschland dringen, ist bei Kleeberg das Interesse für die Onkologie geweckt. Es ist nicht das erste und das letzte Mal, dass ein Krieg sein Leben entscheidend prägt.

Der Vater ein „Nazi-Nörgler“

Auch Kleebergs Vater war Arzt. Die Familie stammt ursprünglich aus Berlin, wird aber nach dem zweiten Weltkrieg an den Bodensee verschlagen. Das habe auch damit zu tun, dass sein Vater ein „Nazi-Nörgler“ gewesen sei, erläutert Kleeberg. Zwar kein Widerstandskämpfer habe dieser gleichwohl Hitler und die Nazis kritisiert und sei daraufhin in ein Seuchenlazarett nach Russland strafversetzt worden. In diesem Lazarett behandelt Kleebergs Vater auch die ortsansässige Bevölkerung, so dass die Russen ihn noch nach der Rückeroberung 1944 gewähren und dann ziehen lassen. Schließlich soll er aufgrund seiner Expertise für die französischen Besatzer in Konstanz das verlassene Krankenhaus übernehmen und auch für die französischen und deutschen Soldaten wieder aufbauen. Die Familie zieht nach Überlingen. Von hier aus startet Kleeberg zum Medizinstudium nach Freiburg, das ihn noch nach Hamburg, Paris und London führen wird.

Nach dem Staatsexamen im Jahr 1962 und der nachfolgenden Promotion nimmt Kleeberg die Lost-Spur wieder auf. Er möchte sich in den USA weiterbilden — schließlich ist man dort bereits weiter und behandelt nicht nur hämatologische sondern auch solide Neoplasien mit Zytostatika. Kleeberg schreibt an den Hämatologen William Dameshek, in Boston, MA/USA. Dameshek hatte nicht nur die erste multizentrische Chemotherapiestudie (mit Lost-Derivaten) durchgeführt, sondern etwa auch das einschlägige Fachjournal „Blood“ gegründet. Dem jungen Kleeberg erteilt er allerdings eine arrogante Abfuhr: Er könne sein Labor nicht mit zu vielen Leuten vollstellen. Kleeberg gibt nicht auf und nutzt die Chance, im Rahmen eines sogenannten NATO-Stipendiums nach Boston zu kommen. Dort gewinnt er am Massachusetts General Hospital der Harvard Medical School eine große Expertise in der zytostatischen Behandlung von Krebspatienten. Wieder ist es ein Krieg, der den weiteren Weg Kleebergs lenkt: Der Vietnamkrieg.

Ulrich R. Kleeberg (m.) mit den Kollegen Peter Richter von Arnauld (l.) und Erik Engel (r.) während seiner Verabschiedung aus der Hämatologisch-Onkologischen Praxis Altona am 26. Januar 2019.

© dreysse.com

Chemotherapien hinter dem Rücken des Chefs

„Hätte der Vietnamkonflikt sich nicht zugespitzt, wären wir vielleicht in den USA geblieben“, beschreibt Kleeberg seine Motivation, aus Sorge vor der Einziehung zusammen mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. 1969 zurück in Deutschland setzt er seine Weiterbildung in der Abteilung für Hämatologie im neu gegründeten Universitätsklinikum in Ulm fort. In Ulm will er sein erworbenes onkologisches Wissen in die Praxis umsetzen — und scheitert zunächst an seinem Vorgesetzten. Dieser habe verhindern wollen, dass aus seinen Stationen „Krebsstationen“ würden und Zytostatika im Krankenhaus abgelehnt. Kleeberg bringt es nicht über sich, Patienten, die nach Bestrahlung und Operation Rezidive erleiden, einfach wieder wegzuschicken — und behandelt die Betroffenen heimlich — später zusammen mit einem Kollegen — mittwochs, am freien Tag des Chefs. Als die Sache raus kommt, ist sie zu groß, um abgeblasen zu werden. Kleeberg darf offiziell an zwei Tagen in der Woche Patienten in der Ambulanz behandeln. Kuriosum am Rande: Zurück in Deutschland meldet sich die Bundeswehr. Kleebergs ist der erste Jahrgang, der nach dem Krieg gemustert wird. Sein spitzbübischer Einwand, er sei doch bereits für die NATO tätig gewesen, wird nicht akzeptiert und er muss den Grundwehrdienst — unter anderem in München — ableisten.

Erster Inhaber einer Professur für Onkologie

1973/74 habilitiert sich Kleeberg als erster Deutscher für Onkologie. In seiner Antrittsvorlesung thematisiert er die endokrine Brustkrebstherapie mit Tamoxifen — und eckt wieder an: Der Chef der gynäkologischen Abteilung lässt ihn wissen, dass er die Therapie mit einem „Verhütungsmittel für Männer“ für inakzeptabel hält. Es sollte noch dauern, bis die endokrine Brustkrebstherapie habe akzeptiert werden können, resümiert Kleeberg.

Die seinerzeit ungewöhnliche Spezialisierung wirft auch die Frage auf, wie es beruflich weitergehen kann: „Dass jemand nur internistische Onkologie machte, gab es damals nicht. Meine Kollegen wurden zum Beispiel Chefärzte für Gastroenterologie und betreuten dann auch Krebspatienten. Ich wollte aber zu einhundert Prozent Onkologie machen“, beschreibt Kleeberg die Situation.

Deutschlands erste onkologische Schwerpunktpraxis

Da trifft es sich, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hamburg die ambulante Versorgung stärken möchte, wie Kleeberg von einem Schwager erfährt. Die KV schreibt 1975/76 eine internistische Schwerpunktpraxis für die Fächer Kardiologie, Gastroenterologie und Hämatologie aus. Kleeberg schlägt zu und begibt sich abermals auf unsicheres Terrain: Die Ausschreibung ist nämlich ein Schachzug der KV, um zu verhindern, dass städtische Kliniken eigene kassenärztliche Ambulanzen aufbauen. Entsprechend wenig begeistert sind die Kliniker, als Kleeberg damit beginnt, Deutschlands erste onkologische Schwerpunktpraxis ins Leben zu rufen. Und auch die Niedergelassenen fürchten die Konkurrenz. Schließlich gelingt aber die Niederlassung in Altona und die ÄGA — die Ärztegemeinschaft Altona — entsteht. Aus dieser geht später die HOPA hervor, die Hämatologisch-Onkologische Praxis Altona. Ihr wird Kleeberg bis zu seiner feierlichen Verabschiedung am 26. Januar 2019 treu bleiben.

Von wegen „Chemo-Kleeberg“

Nach den beschwerlichen Gründungsjahren merken die klinischen und niedergelassenen Kollegen allmählich, dass Kleebergs Praxis keine Konkurrenz, sondern eine wichtige Ergänzung bedeutet: Die Strahlentherapeuten in den Kliniken seien froh gewesen, dass es da noch jemanden gibt, der ihre „ausbestrahlten“ Patienten übernimmt, so Kleeberg. Entsprechend wird in der Praxis eine erste ambulante palliativmedizinische Versorgung aufgebaut. In den ersten vier Jahren wird diese unterstützt vom Gesundheitsministerium am Bundesministerium für Arbeit und Soziales, dann von der Deutschen Krebshilfe. Es sollte noch 35 Jahre dauern, bis es ihm und anderen schließlich gelingt, eine „spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) im Deutschen Gesundheitssystem zu etablieren und in der Sektion B der Deutschen Krebsgesellschaft eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Palliativmedizin (APM) zu gründen.

Auch wenn andere Ärzte Kleeberg abschätzig als „Chemo-Kleeberg“ bezeichnen, wird er immer häufiger um Rat gefragt. Es setzte sich die Erkenntnis durch, „dass es da einen Onkologen gibt, der scheinbar doch was kann“. Die Anfragen werden so zahlreich, dass schließlich ein eigener Konsultationsdienst eingerichtet werden muss, der bis in 1980er Jahre existiert.

Selbst wer Kleebergs Wirken nur aus der Ferne verfolgt, weiß, wie unzutreffend die Bezeichnung „Chemo-Kleeberg“ ist. Er ist mitnichten Verfechter einer puren Pharmamedizin: Immer wieder rückt er in seinen Beiträgen den Menschen und seine Lebensweise in den Mittelpunkt. Kleeberg ist nicht nur ein vehementer Befürworter einer gesunden Lebensführung (ein Credo, dem der vierfache Vater sichtbar selbst folgt!), sondern ein erklärter Fürsprecher für eine humane Onkologie — eine Medizin, die dem Menschen auch als sozialem und fühlendem Wesen gerecht wird. Kommunikation, Prävention, Aufklärung, Lebensqualität und die würdige Begleitung Betroffener (unter Umständen bis in den Tod) liegen ihm besonders am Herzen.

„Chemo“ — das klingt auch 100 Jahre nach Lommel und Steinkopf immer noch nach Kampf(gas) und dem später viel beschworenen „war on cancer“. In einem Editorial schreibt Kleeberg zur zukünftigen Ausrichtung der Tumortherapie [InFo Onkologie. 2015;18(4):3]: „Wir lernen mit Krebs zu leben, wo wir ihn früher besiegen wollten“. Stärker kann man sprachlich das Kriegserbe der Krebstherapie wohl nicht entmilitarisieren.

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Ulrich R. Kleeberg und die Gründung der InFo Onkologie

Bereits in den 1970er Jahren begann Ulrich R. Kleeberg damit, für Herbert Begemann, der in München Hämatoonkologe und Herausgeber der Zeitschrift „Medizinische Klinik“ war, ausgewählte Arbeiten des New England Journal of Medicine zu referieren und zu kommentieren. Kleeberg produzierte für 20 DM pro Beitrag das, was man heute gemeinhin als „Journal Club“ bezeichnet. Kleeberg: „Am Ende hatte ich so viele Beiträge geschrieben, dass wir uns davon einen Volkswagen kaufen konnten“.

1997 traf Kleeberg mit seiner Journal-Club-Expertise während einer Konferenz auf die Biologin und Medizinjournalistin Friederike Klein, die damals für den Verlag Urban & Vogel den Bereich der medizinisch-wissenschaftlichen Zeitschriften verantwortete. Klein erkannte den großen Informationsbedarf hämatoonkologisch tätiger Ärzte bezüglich aktueller Studienergebnisse. Diesen Bedarf bestätigte eine vom Verlag durchgeführte Ärztebefragung anlässlich der European Cancer Conference in Hamburg im September 1997. Zusammen beschloss man daher, eine internistisch-onkologische Fortbildungszeitschrift herauszugeben, deren Herzstück der Journal Club mit kompakt zusammengefassten und von Praktikern kommentierten Referaten aktueller wissenschaftlicher Publikationen sein sollte. Kurze Zeit später war die Zeitschrift InFo Onkologie (heute InFo Hämatologie + Onkologie) unter der Schriftleitung von Kleeberg mit Unterstützung eines interdisziplinären Beirats gegründet. Das InFo stand dabei für „Interdisziplinäre Fortbildung“. „Ziel war es, die internistische Onkologie in all ihren Facetten zu zeigen“, erinnert sich Kleeberg. „Gleichzeitig ging es auch darum, die Nachbargebiete der Onkologie nicht zu vernachlässigen“. Das erste Heft erschien noch im Jahr 1997. Ab 1998 wurden sechs Ausgaben pro Jahr publiziert. Das Konzept kam bei den Lesern gut an und wurde auf andere medizinische Fachgebiete ausgedehnt (z. B. in Form der InFo Neurologie & Psychiatrie).

Kleeberg verfasste zunächst sehr viele Beiträge selbst; bald konnten weitere Autoren und Beiräte gewonnen und die Zeitschrift um verschiedene Rubriken erweitert werden. Urban & Vogel wurde schließlich Teil des Verlags Springer Medizin, dieser später Teil der Verlagsgruppe Springer Nature. Kleeberg hat die InFo Onkologie 22 Jahre als engagierter Schriftleiter mit seinen Ideen und Initiativen, seiner wertschätzenden, kooperativen und gleichwohl zielstrebigen Arbeitsweise entscheidend geprägt. Eindrucksvolles Zeugnis dessen sind nicht zuletzt seine kritischen Editorials sowie die ungezählten Referate und Kommentare, die er in dieser Zeit verfasst hat. Die Redaktion ist ihm zu größtem Dank verpflichtet und froh, auch weiterhin auf seine Expertise — dann als Ehrenschriftleiter — setzten zu dürfen.

Literatur

  1. Dieser Beitrag basiert auf einem aktuellen Interview vom 18.02.2019, einem früheren Gespräch [InFo Onkologie. 2017;20(2):50-3] und einem Porträt von Prof. Urich R. Kleeberg in Im Focus Onkologie [2017;20(3):75].Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Moritz Borchers
    • 1
  1. 1.

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