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Der Freie Zahnarzt

, Volume 62, Issue 7–8, pp 70–72 | Cite as

Frei von Fremdbestimmung

  • Sabine Schmitt
FVDZ Akademie
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Diskussion zum Thema „Zahnarztpraxis der Zukunft“. Die berufspolitische Podiumsdiskussion hat Tradition beim Zahnärzte-Sommerkongress des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) auf Usedom. In diesem Jahr war sie ebenso lebhaft wie interessant — und das, obwohl die Meinungen von Teilnehmern und Publikum noch nicht einmal sehr weit auseinanderlagen. Im Saal herrschte eine Art Aufbruchstimmung.

Moderator PD Dr. Thomas Wolf (Mitte) diskutierte mit Michael Lennartz, Dr. Wolfgang Esser, Danielle van Rijt und Harald Schrader (v. l.)

© links: Sabine Schmitt, rechts oben und mitte: Fotostudio Messlin, rechts unten: Juliana Gralak

Neue Berufsausübungsformen sollten im Fokus der Diskussion um die „Zahnarztpraxis der Zukunft“ stehen. Da liegt es nahe, dass das Thema Medizinische Versorgungszentren (MVZ) ebenso wenig ausgespart bleiben kann wie die hohe Belastung der Praxen durch bürokratische Auflagen. Dass dieses Thema beim Publikum einen Nerv traf, war schnell spürbar. Denn die Reihen im Kaiserbädersaal des Maritim Hotels, in dem der 25. Zahnärzte-Sommerkongress auch in diesem Jahr stattfand, füllten sich schnell.

In der Diskussionsrunde unter der Leitung von FVDZ-Bundesvorstandsmitglied PD Dr. Thomas Wolf ging es hauptsächlich um die Frage: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Eine Fragestellung, die nicht nur die junge Generation Zahnärzte betrifft, die grundsätzlich noch ihren beruflichen Weg finden muss, sondern auch gestandene Zahnärztinnen und Zahnärzte. FVDZ-Justiziar Michael Lennartz stellte in einem Impulsreferat vor der eigentlichen Diskussion in aller Kürze die besorgniserregende Entwicklung zum Fremdbesitz von Zahnarztzentren dar. Alternativ dazu stellte er jedoch kooperative Berufsausübungsformen vor, die den Betreibermodellen von Fremdinvestoren auch in der heutigen Zeit noch die Stirn bieten können.

SELBSTSTÄNDIG IN GEMEINSCHAFT IST IM TREND

Als junge Vertreterin des zahnärztlichen Berufsstandes betonte Danielle van Rijt, dass für sie die enge Bindung zum Patienten besondere Bedeutung habe. Ein enges Vertrauensverhältnis und die für sie damit verbundene Therapiefreiheit seien unabdingbar. „In einer Großstruktur ist das unmöglich, aber eine Einzelpraxis ist heute auch nicht mehr zeitgemäß“, machte sie das Dilemma der jungen Zahnärzte deutlich. „Aber Selbstständigkeit in Gemeinschaft ist ein gutes Zukunftsmodell — auch deshalb, weil man dann die finanzielle Verantwortung für eine Praxis teilt.“ Wichtig sei es ihrer Generation allerdings, dass eine Praxis, die übernommen werden soll, auch gut für die Zukunft aufgestellt sei. Ein Auslaufmodell ist die klassische Einzelpraxis für Verbandsjustiziar Lennartz noch lange nicht, aber es gebe freiberufliche Praxismodelle, die den Anforderungen nach Teamarbeit, geteilter finanzieller Verantwortung und flexiblen Arbeitszeitmodellen gerecht würden — und die dennoch auf Wachstum ausgelegt sein könnten. „Ob Einzelpraxis oder Berufsausübungsgemeinschaft — wichtig ist, dass wir ein Gegengewicht zum Fremdkapital und Finanzinvestoren schaffen“, sagte Lennartz.

Kongressleiter Dr. Peter Bührens eröffnet FVDZ-Sommerkongress.

IN ZUKUNFT WEITERHIN GUT AUF-GESTELLT

FATALE FEHLSTEUERUNG

„Ich will, dass wir auch in Zukunft frei von Fremdbestimmung bleiben, denn wir sind Freiberufler und Heilberufler“, machte der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), Dr. Wolfgang Eßer, deutlich. „Ich möchte, dass wir gute Arbeit leisten können, dafür ein gutes Honorar erhalten und dass wir für Praxen auf dem Land auch weiterhin eine Nachfolge finden können. All das ist gefährdet durch die reinen Zahnarzt-MVZ.“ Sie seien das Ergebnis einer fatalen Fehlsteuerung durch die Politik, betonte der KZBV-Chef. Die Politik müsse bereit sein, diesen Fehler endlich zu korrigieren. Bei allen unterschiedlichen Interessen der Beteiligten im Gesundheitssystem komme der Zahnärzteschaft die Aufgabe zu, die zahnärztliche Versorgung der Patienten sicherzustellen. Dies werde allerdings schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich, wenn renditeorientierte „Private Equity Fonds durch massenhaften Aufkauf von Zahnarztpraxen die freiberufliche Versorgungsstruktur in Deutschland zerstören und durch gewerbeähnliche Strukturen ersetzen würden“. Die Zahnärzteschaft brauche Strategien, um sich gegen die großen Fremdinvestoren aufzustellen.

Sonne, Strand und Seminare — traumhafte Kongressbedingungen

GLEICHE WETTBEWERBSBEDINGUNGEN

„Fremdinvestoren nehmen uns ein Stück der freien Berufsausübung“, stellte auch der FVDZ-Bundesvorsitzende Harald Schrader klar. Die zahnärztliche Berufsausübung habe sich verändert in den vergangenen Jahrzehnten, aber die Grundfrage müsse sein, wie es der Berufsstand aus sich selbst heraus schaffen könne, die tradierten Praxisformen gegen die Übermacht der gewerblich orientierten und kapitalgetragenen Zentren zu verteidigen.

Ausgezeichneter Nachwuchs: Dr. Matthias Widbiller erhält Preis.

Keine Zeit für den Strandkorb: Das Fortbildungsangebot lockt.

Schrader appellierte einmal mehr an gleiche Wettbewerbsbedingungen, die es ermöglichten, sowohl niedergelassenen Zahnärzten wie auch den MVZ eine gleich große Zahl an angestellten Zahnärzten zu beschäftigen. „Es ist eine Situation wie damals, als der Freie Verband als Notgemeinschaft gegründet wurde“, sagte Schrader. „Zahnärzte werden mit Zahnärzten erpresst — und der Berufsstand gespalten.“ Damit sich Geschichte nicht wiederhole, habe der FVDZ zwei einfache Forderungen: Alle zahnärztlichen Praxen müssten auch tatsächlich von Zahnärzten geführt werden, und für alle müssten gleiche Wettbewerbsbedingungen gelten. „Regeln der Berufsausübung müssen für alle gleich sein“, sagte Schrader. „Das bedeutet, dass ein fairer Interessenausgleich stattfindet — auch gegenüber den angestellten Zahnärzten.“ Denn auch diese vertrete der FDVZ.

SYNERGIEN BESSER NUTZEN

Der Freie Verband mache Zahnärzten ein Angebot, um sich von den teils widrigen Umständen der Praxisführung wie beispielsweise Abrechnung, Hygiene, Datenschutz und vielem anderen mehr zu entlasten und wieder mehr Zeit für die eigentliche Behandlung der Patienten zu haben. „Wir wollen Synergien besser nutzen und mit der Gründung von Genossenschaften unseren Mitgliedern Hilfestellung geben. Denn je größer die Gemeinschaft, desto dicker ist die Firewall“, sagte der FVDZ-Bundesvorsitzende. „Dann können wir den gröbsten Unfug schon mal abhalten.

Neben dem Thema Fremdbesitz treibt die Bürokratiebelastung in den Praxen die Zahnärzteschaft um. Dies wurde besonders deutlich, als die Diskussion für Fragen aus dem Publikum geöffnet wurde. „Es ist an der Zeit, dass sich eine Stimme aus der Zahnärzteschaft erhebt“, forderte eine Zahnärztin aus dem Publikum. „Man sollte Proteste und Demonstrationen organisieren.“ Allein fühlten sich die Einzelkämpfer in den Praxen wie das Kaninchen vor der Schlange: ohnmächtig.

KZBV-Chef Eßer verwies in diesem Zusammenhang auf den FVDZ. Er selbst sei als Vorstand einer Körperschaft öffentlichen Rechts „Teil des Systems“. Der FVDZ hingegen sei „politisch wehrhaft, aber untersteht nicht der politischen Kuratel“. Das Sprachrohr nach außen sei der Freie Verband. „Wir müssen dafür allerdings eine glaubhafte Drohgebärde machen“, machte der FVDZ-Bundesvorsitzende Schrader deutlich. „Da muss die ganze Zahnärzteschaft dahinterstehen und ein vernünftiges Ziel vertreten.“

650 Zahnärzte aus ganz Deutschland kamen zum Kongress auf Usedom.

© links: Fotostudio Messlin, rechts: Konstantin Schrader

DER SCHÖNSTE BERUF DER WELT

Nachdenkliche Töne schlug Danielle van Rijt abschließend auf dem Podium an: Wenn man bei der jungen Generation Zahnärzte für die Selbstständigkeit werben wolle, sei es nicht der richtige Weg, allzu sehr zu jammern und festzustellen, was alles nicht funktioniert. Unter dem Beifall des Publikums sagte sie: „Vielleicht sollte man dann auch mal sagen, wie schön der Beruf ist, und wie sehr es einem zufrieden machen kann, wenn man Patienten so behandeln, wie man es selbst für richtig empfindet.“ Schrader fand schließlich versöhnliche Worte: „Trotz aller Widrigkeiten sollten wir uns wohl häufiger bewusst machen, dass wir den schönsten Beruf der Welt ausüben.“

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Authors and Affiliations

  • Sabine Schmitt
    • 1
  1. 1.

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