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Der Freie Zahnarzt

, Volume 62, Issue 7–8, pp 10–10 | Cite as

REBELL, REFORMER, PRÄSIDENT

  • Reinhard Günnewig
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Pionier der Prävention. Als solcher gilt Dr. Dr. Jürgen Weitkamp. Er hat mehr als nur die Standespolitik gründlich reformiert. Der FVDZ wollte ihn zunächst gar nicht in seinen Reihen haben. Weitkamp wird nun 80 Jahre alt.

An den „Urknall“ seiner Karriere kann sich Jürgen Weitkamp noch gut erinnern. Anlass war eine sozialpolitische Kontroverse Mitte der 1970er Jahre. Der Übernahme der Prothetik in das Sachleistungsprinzip stand zwar die Mehrheit der Zahnmediziner ablehnend gegenüber, doch die vom FVDZ dominierte KZV-Führung in Westfalen-Lippe (KZVWL) schloss sich stattdessen auf Landesebene der zustimmenden Haltung der KZBV an. Dagegen opponierte der Kammerbezirk Minden-Lübbecke. Auf einer Versammlung bezog Weitkamp klar Stellung gegen die Aufnahme der Komfortleistungen in den Sachleistungskatalog und wurde damit quasi über Nacht weit über die Kammergrenzen hinaus bekannt. Prompt verwehrte ihm der FVDZ die Aufnahme in den Landesverband, nur dank der Intervention des damaligen Bundesvorsitzenden Dr. Helmut Zedelmaier konnte Weitkamp überhaupt FVDZ-Mitglied werden — auf Bundesebene.

Der Prothetikstreit wirbelte die KZVWL und den FVDZ-Landesverband durcheinander. In die Wahlen zur KZVWL-Vertreterversammlung gingen die „Rebellen“ mit einer eigenen Liste und errangen eine deutliche Mehrheit. Vorstandsvorsitzender wurde Günther Voigt, der den FVDZ-Landesverband organisatorisch und inhaltlich neu ausrichtete, und Weitkamp stellvertretender Landesvorsitzender. Auf Drängen von Kollegen kandidierte Weitkamp, der 1963/1965 in Mainz zum Dr. med. und Dr. med. dent. promovierte und Ende Januar 1977 erfolgreich Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe wurde.

ZUKUNFTSWEISENDE PROJEKTE UND KONZEPTE

Seine Agenda in Münster wurde schnell deutlich. „Ich wollte die Kammer politisieren, zum Sprachrohr der gesamten Zahnärzteschaft machen, das Profil und die Kompetenz des Berufsstandes stärken, durch regelmäßige Fortbildung und eine präventionsorientierte, wissenschaftlich basierte Zahnheilkunde.“ So wurden in seiner Dekade zukunftsweisende Projekte und Konzepte initiiert, wie „Zahnheilkunde plus“ und „Sprechende Zahnheilkunde“. Mit dem Beirat „Qualität“ entstand ein Forum für den interdisziplinären Gedankenaustausch mit Fachleuten aus dem Finanz-, Gesundheits- und Wirtschaftsbereich. 1991 eröffnete das „Zentralinstitut für Helferinnenfortbildung“; 1996 nahm, nach so manchem Widerstand, die Akademie für Fortbildung (AS) ihren Betrieb auf. „Die freiberuflich ausgeübte Zahnheilkunde ist so gut wie die beruflich Tätigen kompetent“, war (und ist) sein Credo.

„ER HAT IN MÜNSTER FÜR BERLIN GEÜBT“

„Mit ihm wurde die Kammer Westfalen-Lippe zu einer der schlagkräftigsten und programmatisch führenden im Bereich der BZÄK gemacht“, so Weitkamps Nachfolger Dr. Walter Dieckhoff. Und: „Er hat in Münster für Berlin geübt.“

FORTSETZUNG DER TÄTIGKEIT IN DER BUNDESHAUPTSTADT

An der Spree setzte Weitkamp mit der ihm eigenen Durchsetzungskraft und Beharrlichkeit sein Programm und Verständnis einer modernen Zahnheilkunde fort. Mit dem Umzug der BZÄK von Köln in die Hauptstadt und einer neuen Mannschaft wurden die Weichen in Richtung Generaloffensive gestellt. Wissenschaftliche Expertise wurde mit dem 2001 gegründeten „Consilium unabhängiger Wissenschaftler“ für die Arbeit und Strategie der Kammer nutzbar gemacht. 2004 präsentierte sich erstmals der runderneuerte Deutsche Zahnärztetag als Leistungsschau und politisches Podium von BZÄK, Wissenschaft und Vertragszahnärzten. Ein Jahr später wurde auf dem Zahnärztetag die „Neubeschreibung einer präventionsorientierten Zahnheilkunde“ verabschiedet. Prävention ist nach wie vor das Leitthema des nunmehr 80-Jährigen - in der Standespolitik und bei der Arbeit mit Patienten.

© Axentis

Die „Neubeschreibung“ war ein Paradigmenwechsel, der die Zahnheilkunde auf wissenschaftlicher Grundlage auch solidarisch finanzierbar ausrichtete. Der Kurswechsel 2005 — von der prozentualen Bezuschussung hin zu befundorientierten Festzuschüssen — vollzieht dies nach.

EINE LICHTGESTALT BERUFSPOLITISCHER INNOVATIONEN

Weitkamps überragender Einsatz auf vielen Gebieten, mit den Ehrenpräsidentschaften der ZÄKWL, der BZÄK und vielen anderen Auszeichnungen gewürdigt, hat die deutsche Zahnmedizin, ihren Ruf und ihre hohe Reputation entscheidend geprägt. Ihre Institutionen gewannen bei Politik und Gesellschaft großes Ansehen als geschätzter Dialogpartner auf Augenhöhe. „Er war eine Lichtgestalt berufspolitischer Innovationen“, so Prof. Dr. Burckhard Tiemann, früherer KZBV-Hauptgeschäftsführer. Für sein jahrzehntelanges Engagement, die persönliche Hilfe und Förderung in Quedlinburg („Meine zweite Heimat“) erhielt Weitkamp 2014 zudem die Ehrenbürgerwürde der Weltkulturerbestadt.

Bei allem hatte die Freiberuflichkeit, die wirtschaftliche Unabhängigkeit immer Vorrang. So ist es bis heute. 1967 war er im ostwestfälischen Lübbecke in die väterliche Praxis eingestiegen. Dort dient er immer noch zwei, drei Tage die Woche seinen Patienten. Schließlich hatte er ja auch erfolgreich dafür gekämpft, dass 2008 die Altersgrenze für Mediziner vom Gesetzgeber gekippt wurde.

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Authors and Affiliations

  • Reinhard Günnewig
    • 1
  1. 1.

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