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Soziale Passagen

, Volume 10, Issue 2, pp 211–230 | Cite as

Von der juristisch angeordneten stationären Unterbringung in die Erwerbsarbeit

Defensive und Produktive Anpassungsleistungen – Zwei Fallbeispiele
  • Jakob HummEmail author
Im Blickpunkt
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Zusammenfassung

Übergänge erweisen sich in vielen Fällen als krisenhafte Momente, in welchen gesellschaftliche Anforderungen und subjektive Möglichkeiten in konkreten Situationen ausgehandelt werden müssen, was in besonderem Maße auch für den ersten Eintritt in den Arbeitsmarkt gilt. Dies ist die Ausgangslage, von welcher aus die Integrationsprozesse ehemals strafrechtlich sanktionierter Jugendlicher in die Erwerbsarbeit dargestellt werden. Grundlage dafür sind teilnarrative Interviews, welche im Rahmen einer Längsschnittstudie in der Schweiz erhoben werden konnten. Es zeigt sich dabei, dass alle interviewten Jugendlichen der Erwerbsarbeit einen hohen Stellenwert beimessen, auch wenn das Finden einer stimmigen Anstellung sich in vielen Fällen als hindernisreich erweist. Diese Passungsprozesse sind oft verbunden mit Revisionen der Wünsche und Ziele, wobei letztlich aber der Anspruch bleibt, in der Erwerbsarbeit zu verbleiben. Dieses Schaffen von Passungsverhältnissen scheint sich für die ehemals sanktionierten Jugendlichen nicht kategorisch zu unterscheiden von den Schwierigkeiten anderer, nicht strafrechtlich belangter aber anderweitig belasteter Arbeitssuchender. Der vorliegende Artikel zeigt anhand von zwei ausgewählten Fallbeispielen auf, in welcher Art und Weise Entlassene versuchen, Sinn in Erwerbsarbeit für sich herzustellen.

Schlüsselwörter

Übergänge in Arbeit Junge Erwachsene Biografie Sinnkonstruktion 

From legally sanctioned measure to gainful employment

Defensive and productive adaptive performances—Two case examples

Abstract

In many cases, transitions prove to be critical moments, in which social demands and subjective possibilities in actual situations have to be negotiated and which is particularly relevant for gaining access to the labour market. This provides the starting position, from which the search of former young delinquents towards gainful employment is depicted. Semi-narrative interviews that have been conducted in the course of a longitudinal study in Switzerland form the basis for the analysis. What becomes evident here is that all interviewed juveniles assign a high value to gainful employment, even if finding a suitable job proves to be difficult in many cases. These processes are often associated with revisions concerning individual wishes and goals, whereas the aspirations to stay employed remain. For the former young delinquents, to create such fitting relationships seems not to be different, categorically, from the difficulties of others who are otherwise encumbered in finding employment, yet have not been criminally prosecuted. On the basis of two case examples, this article shows in what manner released delinquents try to construct meaning via gainful employment.

Keywords

Transitions into gainful employment Young adults Biography Construction of meaning 

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Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für ErziehungswissenschaftUniversität ZürichZürichSchweiz

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