Advertisement

Zur Legitimität fremdnützigen Handelns in der Medizin und speziell in der Psychiatrie

  • Thomas PollmächerEmail author
Originalarbeit
  • 24 Downloads

Zusammenfassung

Obwohl sich ärztliches Handeln im Wesentlichen und v. a. durch das Wohl des Patienten und seine Zustimmung legitimiert, können auch Interessen Dritter rechtfertigend wirken. Dieser Beitrag widmet sich der Frage, unter welchen Umständen dies der Fall bzw. nicht der Fall ist. Dabei zeigt sich, dass fremdnütziges medizinisches Handeln insbesondere dann problematisch ist, wenn die Interessen Dritter alleiniger Rechtfertigungsgrund sind, wenn also ärztliches Handeln nicht dem Willen des Patienten entspricht und nicht auch seinem eigenen Wohl dient. Die Problematik wird an einer Reihe von Beispielen beleuchtet, insbesondere am Schwangerschaftsabbruch und an der Unterbringung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in psychiatrischen und forensischen Kliniken gegen ihren Willen. Die fremdnützige Unterbringung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in psychiatrischen Krankenhäusern scheint immer dann problematisch, wenn nicht sogar illegitim, falls dort eine Behandlung nicht durchgeführt werden kann. Dabei ist es unerheblich, ob der freie, vorausverfügte oder mutmaßliche Wille des Betroffenen die Behandlung unmöglich macht, oder aber, ob es Behandlungsmöglichkeiten gar nicht gibt. Es scheint darüber hinaus fragwürdig, ob die Umsetzung von ausschließlich fremdnützigen Sicherungsmaßnahmen, die keinem Behandlungszweck dienen, durch Ärzte berufsethisch und -rechtlich zu rechtfertigen ist. Allerdings hat sich die medizinethische Literatur bisher kaum mit den Rechtfertigungsgründen fremdnütziger Zwangsmaßnahmen befasst, sodass hier erheblicher Forschungsbedarf zu bestehen scheint.

Schlüsselwörter

Selbstbestimmung Autonomie Zwangsmaßnahmen Unterbringung Medizinethik Berufsrecht 

On the legitimacy of medical actions which benefit a third party, especially in psychiatry

Abstract

Justification of medical acts relies primarily on the patient’s beneficence and consent; however, interests of third parties can also contribute to legitimation. The present paper investigates under which circumstances this may or may not be the case. It turns out that medical acts are particularly problematic if they are justified exclusively by the interests of third parties. Prominent examples are abortion as well as under certain circumstances, detention and coercion of psychiatric patients in psychiatric and forensic hospitals. The latter are particularly problematic if they occur without treatment possibilities. Treatment of patients in detention may be impossible because it contradicts the will and preferences of the patient or just because no effective treatment is available. In such situations it seems morally and professionally questionable whether physicians may engage in and be responsible for coercive measures which are exclusively aimed at protecting third parties; however, biomedical ethics so far have rarely addressed these issues indicating a need for further research.

Keywords

Self-determination Autonomy Coercive measures Detention Medical ethics Code of professional conduct 

Notes

Interessenkonflikt

T. Pollmächer gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. Adorno TW (1971) Erziehung zur Mündigkeit: Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959 bis 1969. Suhrkamp, FrankfurtGoogle Scholar
  2. Beauchamp and Childress (2012) Principles of biomedical ethics. Oxford University Press, New YorkGoogle Scholar
  3. Bundesärztekammer (2013) Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundesärztekammer Zwangsbehandlung bei psychischen Erkrankungen. Dtsch Arztebl 110:A-1334 (sowie B‑1170 und C‑1154)Google Scholar
  4. Bundesärztekammer (2018) (Muster‑)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte in der Fassung der Beschlüsse des 121. Deutschen Ärztetages 2018 in Erfurt. Dtsch Arztebl 115:A-1190Google Scholar
  5. Deutscher Ethikrat (2018) Hilfe durch Zwang ? Professionelle Sorgebeziehungen im Spannungsfeld von Wohl und Selbstbestimmung (https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Stellungnahmen/deutsch/stellungnahme-hilfe-durch-zwang.pdf)Google Scholar
  6. Gerlinger G, Deister A, Heinz A, Koller M, Müller S, Steinert T, Pollmächer T (2018) Nach der Reform ist vor der Reform: Ergebnisse der Novellierungsprozesse der Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetze der Bundesländer. Nervenarzt.  https://doi.org/10.1007/s00115-018-0612-3 Google Scholar
  7. Heyder B (1995) Die Reichsärzteordnung von 1935 und ihre Folgen für den ärztlichen Berufsstand in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur. Shaker, AachenGoogle Scholar
  8. Jongsma K, Perry J, Schicktanz S (2018) Forschungsvorausverfügungen – Noch viele Fragen offen. Dtsch Arztebl 115:A1696–A1698Google Scholar
  9. Marckmann G, Pollmächer T (2017) Ausschließlich gruppennützige Forschung mit nicht einwilligungsfähigen Menschen. Nervenarzt 88:486–488CrossRefGoogle Scholar
  10. Parsa-Parsi RW (2017) The revised declaration of Geneva. A modern-day physician’s pledge. JAMA 318:1971–1972.  https://doi.org/10.1001/jama.2017.16230 CrossRefGoogle Scholar
  11. Pollmächer T (2013) Ordnungspolitische Funktion der Psychiatrie – Kontra. Psychiatr Prax 40:302–303Google Scholar
  12. Pollmächer T (2015) Moral oder Doppelmoral? Das Berufsethos des Psychiaters im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung, Rechten Dritter und Zwangsbehandlung. Nervenarzt 86:1148–1156CrossRefGoogle Scholar
  13. Pollmächer T (2016a) Der Behandlungsbegriff ist vom Kontext Abhängig. Nervenarzt 87:95–96CrossRefGoogle Scholar
  14. Pollmächer T (2016b) Gefährdung Dritter als Rechtfertigung einer öffentlich-rechtlichen Unterbringung psychisch Kranker? – Kontra. Psychiatr Prax 43:11–12CrossRefGoogle Scholar
  15. Pollmächer T (2017) Psychiatrie und Recht. In: Deister A, Pollmächer T, Falkai P, Erk K (Hrsg) Krankenhausmanagement in Psychiatrie und Psychotherapie. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, S 25–35Google Scholar
  16. Quante M (2012) Zwischen Freiwilligkeit und Nötigung. Das Dilemma der Lebendspende. Reprints and working papers of the center for advanced study in bioethics, Universität MünsterGoogle Scholar
  17. Richter-Kuhlmann E (2018) Die Debatte ist entfacht. Dtsch Arztebl 115:A1569–A1570Google Scholar
  18. Steinert T (2013) Ordnungspolitische Funktion der Psychiatrie – Pro. Psychiatr Prax 40:304–305CrossRefGoogle Scholar
  19. Thiele F (2011) Autonomie und Einwilligung in der Medizin. Mentis, PaderbornGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Zentrum für psychische GesundheitKlinikum IngolstadtIngolstadtDeutschland

Personalised recommendations