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Der Gastroenterologe

, Volume 14, Issue 2, pp 70–72 | Cite as

Gendermedizin

Oder: Sind m und w und d anders krank?
  • Andrea RiphausEmail author
  • Martina Müller-SchillingEmail author
Einführung zum Thema
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Gastroenterology and Gender-Based Differences in prevention, diagnosis and therapy

Or: are there differences between men and women when they are ill?

Sprachwissenschaftler haben das Wort „Gendersternchen“ in diesem Januar zum „Anglizismus des Jahres“ 2018 gekürt. Das Wort Gendersternchen bezeichnet ein typographisches Zeichen (*), das zwischen der männlichen und der zusätzlich angefügten weiblichen Endung gesetzt wird, um neben Männern und Frauen auch Menschen mit anderer geschlechtlicher Identität miteinzubeziehen und sichtbar zu machen. An Gendersternchen überzeugt hat die Jury die „sprunghafte Verbreitung im öffentlichen Sprachgebrauch“ sowie die „zentrale Bedeutung, die das Wort in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem schwierigen und heftig umstrittenen Thema der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter eingenommen hat und wohl auch weiter einnehmen wird“.

Die Berliner Jury will mit ihrer Wahl auch ausdrücklich die Rolle des Wortstamms Gender und speziell des daraus abgeleiteten Verbs gendern würdigen. „Der Wortstamm Gender bezeichnet eine Perspektive auf Geschlecht als kulturell hergestellter und damit veränderbarer Kategorie und ergänzt so das Wort Geschlecht, das eher eine biologische Perspektive einnimmt“, teilte die Jury mit [1].

Am 10. Oktober 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht: Der Gesetzgeber muss bis spätestens am 1. Januar 2019 neben männlich und weiblich einen weiteren, positiven Geschlechtseintrag schaffen. Daher ist seit kurzem in Deutschland zu den Geschlechterangaben „männlich“ und „weiblich“ ein „divers“ hinzugekommen.

In der Medizin rücken die Verschiedenheiten von Mann und Frau und d immer stärker in den Fokus. Denn viele Krankheiten haben je nach Geschlecht der Patienten unterschiedliche Ausprägungen. Für das neue Geschlecht d gibt es (noch) keine Daten. Die vorhandene Datenlage bezieht sich auf unsere bisherige binäre Geschlechtervorstellung.

Das Forschungsgebiet der Geschlechter- und Gendermedizin – auch „gender medicine“, „gender-specific medicine“ oder geschlechtsspezifische Medizin – ist in Deutschland noch jung und (noch) weitgehend wissenschaftliche Terra incognita.

Gendermedizin bezeichnet Humanmedizin unter besonderer Beachtung nicht nur der sozialen und psychologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau und in Zukunft auch des dritten Geschlechts d, sondern auch der unterschiedlichen Symptome, Ausprägungen und Therapieantwort von Krankheiten. Die Gendermedizin impliziert somit eine geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten.

Die Gendermedizin wurde in den späten 1980er-Jahren in den USA entwickelt und ist Teil der personalisierten Medizin. Das National Institute of Health (NIH, Bethesda, Maryland, USA) hat die Forschung an männlichen und weiblichen Organismen bereits zwingend für die Förderung medizinischer Forschungsprojekte gemacht. Auch die Europäische Union hat entsprechende Vorgaben in ihr Forschungsförderungsprogramm Horizon 2020 aufgenommen.

Die World Health Organization (WHO) verfolgt seit 2007 die „strategy for integrating gender analysis and actions into the work of WHO“, und hat sich – ergänzend – in 2009 positioniert: „If health care systems are to respond adequately to problems caused by gender inequality, it is not enough to simply ‚add in‘ a gender component late in a given project’s development. Research, interventions, health system reforms, health education, health outreach, and health policies and programs must consider gender from the beginning“.

Und die WHO schlussfolgert: „All health professionals must have knowledge and awareness of the ways in which gender affects health, so that they may address gender issues wherever appropriate thus rendering their work more effective“ [2].

Wo stehen wir in der Gastroenterologie hinsichtlich der Integration von Genderaspekten in Forschung, Lehre und Klinik?

Die Beiträge in diesem Heft geben einen Überblick über den State of the Art der „gender medicine“ im Kontext der Viszeralmedizin:
  1. 1.

    Gender, Change und Management

    Die Gender Medizin wird hier in ihrer historischen Entwicklung vorgestellt und definiert. So ist die differenzierte, geschlechtsspezifische Betrachtungsweise kein „Frauenthema“. Frauen und Männer profitieren von Gendermedizin und nun auch Menschen mit einem diversen Geschlecht. Diese Perspektiven machen in ihrer Konsequenz „mindestens einen Umdenkungsprozess unter den Beteiligten erforderlich, an mancher Stelle aber sogar einen gesellschaftlichen Kulturwandel“ führt Martina Oldhafer, Leitung Change Management, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, aus.

     
  2. 2.

    Genderaspekte in der medizinischen Lehre

    Pionierarbeit in der Gendermedizin leistet Vera Regitz-Zagrosek, die das seit 2007 deutschlandweit erste Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité leitet. Ebenfalls seit 2007 gibt es die von Regitz-Zagrosek gegründete Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (GesGM) und ihr internationales Pendant, die International Society for Gender Medicine (IGM). Ute Seeland, Anna Schrey und Vera Regitz-Zagrosek gehen in ihrem Beitrag auf die Bedeutung von gendermedizinischem Wissen in der Viszeralmedizin ein und erklären die Notwendigkeit eines bundesländerübergreifenden Konzepts zur Umsetzung von geschlechtersensiblen Lehr- und Lerninhalten in die Rahmencurricula der deutschen Universitäten und in die Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer.

     
  3. 3.

    Geschlechterspezifische Aspekte in der Viszeralchirurgie

    Teegen, Rau, Gockel und Kreuser zeigen, dass Männer und Frauen sowohl hinsichtlich der Chirurgie sowohl des oberen wie auch unteren Gastrointestinaltrakts nicht unerhebliche Unterschiede in der Prognose und auch im perioperativen Risiko zeigen. Während das Adenokarzinom des Ösophagus keine Unterschiede bei den Geschlechtern im Langzeitüberleben zeigt, weisen Frauen ein besseres Überleben nach Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus und ein deutlich schlechteres nach Magenkarzinom auf.

    In der kolorektalen Chirurgie haben Männer ein signifikant höheres Risiko für eine Anastomoseninsuffizienz, während Frauen deutlich häufiger von rechtsseitigen Kolonkarzinomen betroffen sind.

    Eine standardisierte Evaluation dieser Aspekte könnte sowohl Screeningempfehlungen wie auch die chirurgische Behandlung der verschiedenen Geschlechter verbessern.

     
  4. 4.

    Genderaspekte in der Endoskopie

    Eickhoff, Jakobs und Riphaus besprechen die Datenlage in der Endoskopie. Die größte Evidenz liegt zum Thema Koloskopie vor. Hier ist seit vielen Jahren erwiesen, dass insbesondere schlanke Frauen einen technisch erhöhten Schwierigkeitsgrad mit erhöhter Abbruchrate aufweisen. Auch gibt es erste Hinweise, dass die Verstoffwechselung von Propofol – als in Deutschland meist gebräuchlichster Substanz zur Sedierung in der Endoskopie – geschlechterspezifischen Unterschieden unterliegt. Das erhöhte Post-ERPC-Pankreatitisrisiko für jüngere Frauen ist ebenfalls mit Evidenz belegt. Die Autoren folgern, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Endoskopie bei der Planung prospektiv-randomisierter Endoskopiestudien berücksichtigt werden sollten.

     
  5. 5.

    Gender und Reflux

    Die gastroösophageale Refluxerkrankung (GERD) stellt eines der häufigsten gastrointestinalen Krankheitsbilder dar. In der Krankheitsausprägung existieren geschlechtsspezifische Unterschiede. Männer haben eine stärkere Ausprägung der GERD im Hinblick auf den Grad der Entzündung und den Säurereflux. Wahrscheinlich ist aus diesem Grund das Risiko für die Entwicklung eines Barrett-Ösophagus bei Männern etwa 2‑ bis 3‑fach und für ein ösophageales Adenokarzinom sogar 3‑ bis 6‑mal höher als bei Frauen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Unterschiede der GERD besser zu verstehen, um Prävention, Diagnostik und Therapie zu individualisieren.

     
  6. 6.

    Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Behandlungsrealität von Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED)

    Blumenstein, Siegmund und Sonnenberg geben einen Überblick über die aktuelle Studienlage im Hinblick auf Krankheitsverlauf, medikamentöse und chirurgische Therapie, psychosoziale Unterschiede sowie Besonderheiten der medikamentösen Therapie in Schwangerschaft und Stillzeit bei CED.

     
  7. 7.

    Gender und Tumoren des oberen GI-Trakts

    Ott et al. stellen Unterschiede hinsichtlich Lokalisation, Tumorbiologie und Rezidivmuster bei AEG-Tumoren und beim Magenkarzinom vor, die eine Integration genderspezifischer Aspekte in Studien und in die Leitlinien erforderlich machen.

     
  8. 8.

    Geschlechterspezifische Unterschiede in der Diagnostik und Systemtherapie beim kolorektalen Karzinom

    Das genderspezifische Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, macht eine genderspezifische Vorsorge notwendig. Die genderspezifische Vorsorge beim kolorektalen Karzinom wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) am 19. Juli 2018 in einer umfangreichen neuen „Richtlinie für organisierte Krebsfrüherkennungsprogramme“ mit einem besonderen Teil für das Darmkrebsscreening beschlossen. Hier hat der GBA mit der Absenkung des Alters bei Männern von 55 auf 50 Jahre bei der Inanspruchnahme der Vorsorgekoloskopie neue genderspezifische wissenschaftliche Daten umgesetzt.

     

Wir danken allen Autoren*innen der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Der Gastroenterologe, dass Sie unserer Einladung nachgekommen sind.

Es ist unser gemeinsames Anliegen, unsere Kollegen*innen, die Öffentlichkeit und kommende Ärztegenerationen für den Genderaspekt in der Medizin und hier im Speziellen in der Viszeralmedizin zu sensibilisieren.

Wir wünschen Ihnen beim Lesen Erkenntnisgewinn und hoffen, dass die Beiträge für Ihre Arbeit nützlich sind.
Prof. Dr. med. Andrea Riphaus

Prof. Dr. Martina Müller-Schilling

Notes

Interessenkonflikt

A. Riphaus und M. Müller-Schilling geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Zeit Online (2019) Gendersternchen ist Anglizismus des Jahres 2018. https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-01/deutsche-sprache-anglizismus-des-jahres-gendersternchen (Erstellt: 29. Jan. 2019)Google Scholar
  2. 2.
    WHO (2019) Gender, equity and human rights. https://www.who.int/gender-equity-rights/en/ Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische Klinik II, Gastroenterologie, Interventionelle Endoskopie & Sonographie, Gastrointestinale Onkologie, Palliativmedizin, ErnährungsmedizinSt. Elisabethen-KrankenhausFrankfurt am MainDeutschland
  2. 2.Klinik und Poliklinik für Innere Medizin IUniversitätsklinikum RegensburgRegensburgDeutschland

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