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Schmerzmedizin

, Volume 35, Issue 6, pp 18–18 | Cite as

Update zur Therapie mit Cannabinoiden

Die Vorzüge und Tücken der Medikation

  • Miriam Sonnet
Medizin aktuell
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Cannabinoide als Medizin haben viele Vorteile, beispielsweise die geringen Gefahren bei Überdosierung. In der Praxis gilt jedoch einiges zu beachten. Nicht jedes Cannabinoid ist etwa bei jeder Indikation gleichermaßen geeignet. Auch sollte vor der Verordnung unbedingt auf die Genehmigung der Krankenkasse gewartet werden.

Endogene Cannabinoidrezeptoren sind unter anderem an Entspannung, Regeneration sowie Schmerzweiterleitung und -verarbeitung beteiligt. Sie könnten nur mit Cannabinoiden angesteuert werden und seien in jeder Gewebeart vorhanden, erläuterte Professor Sven Gottschling, Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am UKS Homburg, auf dem diesjährigen Schmerz- und Palliativkongress in Homburg. Das erkläre auch, warum Cannabinoide so vielfältige Wirkmechanismen entfalten und bei den verschiedensten Krankheitsbildern zum Einsatz kommen können — darunter Epilepsie, Tourette-Syndrom und Multiple Sklerose. Im Gegensatz zu Opioidrezeptoren sind Cannabinoidrezeptoren aber nicht im Atem- und Herz-Kreislauf-Zentrum zu finden. Selbst bei dramatischen Überdosierungen könne dies daher keine Fehlfunktionen auslösen oder den versehentlichen Tod des Patienten herbeiführen. „Das macht diese Substanzen sehr sicher“, betonte Gottschling.

Die CBD-Konzentration in freiverkäuflichen Ölen weicht mitunter von der Angabe auf der Verpackung ab.

© MysteryShot / Getty Images / iSt

THC versus CBD

Es gibt zwar eine Vielzahl von Cannabinoiden, die geläufigste, die durch das Gesetz abgedeckt wird, ist aber Dronabinol (Tetrahydrocannabinol, THC). Daneben geistert immer wieder der Wirkstoff Cannabidiol (CBD) durch die Publikumsmedien und wird dort als Wunderdroge angepriesen. CBD, ein nicht psychoaktives Isomer von THC, ist aber nicht Teil des Cannabinoidgesetzes und hat andere Indikationsgebiete als Dronabinol.

Zugelassen ist CBD beispielsweise bei bestimmten Epilepsieformen, zusätzlich gibt es klinische Studien zur Therapie der Schizophrenie sowie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen. Gottschling warnte aber, dass CBD teilweise Dronabinol entgegenwirke und mit vielen anderen Medikamenten interagiere. Das sei beim THC anders. Zudem werden beim CBD bei bestimmten Indikationen wesentlich höhere Dosierungen als beim Dronabinol benötigt, um wirksam zu sein: „Wenn Sie wirkeffektiv behandeln wollen, etwa bei kindlichen Epilepsien, sind Sie schnell im Bereich von vierstelligen Euro-Beträgen pro Monat.“

Vorsicht sei auch beim Kauf von freiverkäuflichen CBD-Produkten geboten. „Sie bekommen immer noch überall Hanföl, das ist das typische CBD-Produkt“, erklärte Gottschling. Es sei aber nicht sichergestellt, dass der CBD-Gehalt wirklich dem entspricht, der auf der Verpackung steht, wie eine Studie ergeben hat [1]. Die Abweichungen zwischen den Angaben auf der Verpackung und der tatsächlichen Konzentration betrugen teilweise über –90 %. Mitunter war in den Ölen aber auch mehr CBD enthalten als angegeben. Wichtig sei daher, CBD auf Rezept zu verordnen und das Öl in der Apotheke in pharmazeutischer Qualität herstellen zu lassen.

Auf das „Go“ der Kasse warten

„Im Gesetzentwurf steht ganz klar, dass der Patient nicht durch alle erdenklichen Therapiemodalitäten durch muss“, betonte Gottschling. Der Begriff „schwerwiegende Erkrankung“ sei zwar nirgendwo eindeutig definiert. „Es gibt aber eine klare Aussage dazu, dass es nichts Lebensbedrohliches sein muss.“ So gäbe es Einzelfallentscheidungen etwa für chronisch entzündliche Darmerkrankungen.

Gottschling riet, nie etwas zu verordnen, bevor nicht das „Go“ der Krankenkasse vorliegt. Ansonsten bleibe der Verordner im schlimmsten Fall auf den Kosten sitzen. Für Kassen gelten Genehmigungsfristen von drei Wochen, wenn der medizinische Dienst zugeschaltet wird, fünf Wochen. Bei Palliativfällen gilt eine kürzere Frist von drei Tagen. Antworten die Krankenkassen innerhalb dieser Fristen nicht, gilt die Genehmigungsfiktion. Der Experte empfahl weiterhin, bei der Verordnung behutsam vorzugehen. Gerade wenn man nur wenig Erfahrung mit der Cannabinoidtherapie hat, sei dies angezeigt.

Literatur

  1. 1.
    Hazekamp A. Cannabinoids 2018;1:65–72CrossRefGoogle Scholar

Literatur

  1. Vortrag „Kurzes Update Cannabinoide“, 9. Homburger Schmerz- und Palliativkongress, Homburg, 21. August 2019Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Miriam Sonnet
    • 1
  1. 1.

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