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Schmerzmedizin

, Volume 35, Issue 6, pp 12–12 | Cite as

Wie Ärzte über den Schmerz sprechen sollten

  • Thomas M. Heim
Medizin aktuell
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Die psychische Verfassung hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie jemand Schmerzen wahrnimmt und verarbeitet. Neuere Studien zeigen, dass sich bereits das Lesen oder Hören schmerzbezogener Wörter oder negativer Suggestionen auf die Aktivierung der Schmerz-Neuromatrix auswirken. Das hat weitreichende Implikationen für den Umgang mit Kranken.

Psychosoziale Faktoren beeinflussten das Aktivierungsmuster in schmerzverarbeitenden neuronalen Strukturen — der sogenannten Neuromatrix des Schmerzes, erklärte Dr. Maria Richter von der Interdisziplinären Tagesklinik für Schmerztherapie, Uniklinikum Jena, auf dem Deutschen Schmerzkongress. Nachweislich schmerzverstärkend und chronifizierungsfördernd wirken beispielsweise Emotionen wie Angst, soziale Ausgrenzung und — etwa im Rahmen des Noceboeffekts — sogar die Erwartung von Schmerz. Während eine starke Fokussierung auf den Schmerz diesen verstärken kann, wirken Ablenkung und eine positive Stimmung eher schmerzreduzierend.

Negative Wörter verstärken Schmerz

Zusammen mit ihren Kollegen belegte Richter mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) sowohl bei gesunden Probanden als auch bei Probanden mit Migräne, dass das Lesen schmerzbezogener Wörter wie „peinigend“, „lähmend“ oder „zermürbend“ spezifische Areale der Schmerz-Neuromatrix aktiviert. Eine aktuelle Studie zeigte, dass Schmerzen und spezifische Aktivierungen in der Schmerz-Neuromatrix, die durch eine elektrische Stimulation ausgelöst werden, verstärkt werden, wenn den Versuchspersonen unmittelbar davor ein nicht schmerzbezogenes negatives Wort wie „widerlich“, „feindlich“, „verdreckt“ oder aber ein schmerzbezogenes Wort präsentiert wurde [1]. Die bisherigen Studien sprächen laut Richter dafür, dass sich die unterschiedlichen Schmerzerfahrungen der untersuchten Gruppe darauf auswirken, in welchen Gehirnregionen die neuronale Aktivität wie stark erhöht ist.

Die Wortwahl des Arztes bestimmt beim Schmerz in hohem Maße mit. Auf Zweideutigkeiten, Fachjargon und Verunsicherungen sollte man als Arzt daher besser verzichten.

© Monkey Business / fotolia.com (Symbolbild mit Fotomodellen)

„Das tut jetzt ein bisschen weh“, wirkt eher kontraproduktiv

Die Tatsache, dass Sprache in erheblichem Ausmaß die Schmerzwahrnehmung beeinflusst, habe Richter zufolge weitreichende Konsequenzen, unter anderem für die Kommunikation in der Schmerztherapie. So beeinflusse die angekündigte Wirkung einer Intervention über Placebo- oder Noceboeffekte entscheidend die Wirksamkeit der Therapie. Gerade im medizinischen Kontext wirke Sprache sehr suggestiv, da Kranke sich oft in einem angespannten, tranceähnlichen Zustand befinden. Besonders stark seien diese Effekte bei Kindern ausgeprägt.

Negative Suggestionen seien bei medizinischen Behandlungen möglichst zu vermeiden, riet Richter. Dazu gehören direkte Suggestionen wie „Sie sind ein Risikopatient“, aber auch unbeabsichtigte Verunsicherungen wie „Vielleicht hilft dieses Medikament“, ebenso wie Fachjargon wie „Wir haben nach Metastasen gesucht, der Befund war negativ“, Zweideutigkeiten wie „Jetzt schläfern wir Sie ein, danach ist alles vorbei“ sowie das Fokussieren der Aufmerksamkeit wie „Melden Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben.“ Verneinungen wie „Sie brauchen keine Angst zu haben“ und Verkleinerungen wie „Das tut jetzt ein bisschen weh“ seien zur Abschwächung negativer Emotionen ungeeignet [2].

Das Thema Schmerz zu umgehen, ist auch keine Lösung

In der Schmerztherapie gehe es allerdings, führte Richter weiter aus, vor allem zu Beginn der Behandlung darum, dem Betroffenen zu versichern, mit dem Schmerz ernst genommen zu werden. Das bedeute auch, über den Schmerz zu sprechen. Die Komplexität einer Schmerzerkrankung verlange eine ausführliche Anamnese, Verlaufskontrolle und Aufklärung. Schmerz gar nicht zu thematisieren, sei daher nicht ratsam. Es könne sogar störungsspezifische Ängste verstärken und die therapeutische Beziehung stören, weil es aufgesetzt und künstlich wirke. Richter plädierte aber entschieden dafür, die Worte sehr bewusst zu wählen und situationsbezogen abzuwägen, wonach gefragt wird. Menschen mit chronischen Erkrankungen frage Richter eher nach anderen Aspekten als den Schmerz, etwa „Wie fühlen Sie sich heute?“ oder „Was haben Sie heute erlebt?“

Literatur

  1. 1.
    Ritter A et al. How words impact on pain. Brain Behav 2019;9(9):e01377Google Scholar
  2. 2.
    Häuser W et al. Nocebophänomene in der Medizin. Dtsch Arztebl Int 2012;109:459–65Google Scholar

Literatur

  1. Deutscher Schmerzkongress, „MitGefühl die Kommunikation und Edukation in der Schmerztherapie gestalten“, Mannheim, 11. Oktober 2019Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Thomas M. Heim
    • 1
  1. 1.

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