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Schmerzmedizin

, Volume 35, Issue 6, pp 10–10 | Cite as

Multidisziplinäre Behandlung bei Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch

  • Thomas M. Heim
Medizin aktuell
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Der Medikamentenübergebrauchskopfschmerz ist eine sekundäre Kopfschmerzform, die bei entsprechender genetischer Disposition unter längerem hochfrequenten Gebrauch von Kopfschmerzmitteln auftreten kann. Eine ausführliche Aufklärung der Betroffenen sowie eine frühzeitige Behandlung nach Stufenschema sind dann angezeigt.

Der Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH) entstehe nie ohne entsprechende genetische Prädisposition, erklärte Professor Dagny Holle-Lee, Neurologin am Universitätsklinikum Essen. Man habe bisher 33 Gene identifiziert, die das MOH-Risiko erhöhen. Diese Gene seien in unterschiedliche physiologische oder pathophysiologische Prozesse involviert, darunter die serotonerge und dopaminerge Transmission, die Ausbildung einer Abhängigkeit, metabolische Stoffwechselwege, oxidativer Stress und CGRP-abhängige Prozesse. Holle-Lee berichtete auf dem Deutschen Schmerzkongress von klinischen Studien und Tierversuchen, die darauf hinwiesen, dass dem MOH eine Sensibilisierung in Teilen des peripheren und zentralen Nervensystems und eine daraus resultierende zerebrale Übererregbarkeit vorausgehe. Die beschriebenen Prozesse schienen unter einer adäquaten Behandlung zumindest teilweise umkehrbar.

Unter Triptanen kommt es schneller zu MOH als unter Analgetika — dafür ist das Riskio für MOH unter Analgetika höher.

© goodluz / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Als weitere Voraussetzung für einen MOH nannte Holle-Lee die häufige Einnahme einer Akutmedikation gegen eine chronische oder häufig auftretende primäre Kopfschmerzerkrankung. „Jede Akutmedikation kann einen MOH verursachen, aber nicht alle tun dies gleich häufig und gleich schnell“, erklärte die Expertin. Unter Analgetika beispielsweise scheine ein MOH häufiger aufzutreten als unter Triptanen, dafür aber nicht so schnell: Triptanbedingtem MOH gehe eine durchschnittliche Einnahmezeit von 1,7 Jahren voraus, bei Analgetika liege diese bei 4,8 Jahren.

Das Ziel: Analgetika an weniger als 15 Tagen pro Monat

„Die Behandlung eines MOH soll durch ein multidisziplinäres Team erfolgen“, betonte Dr. Torsten Kraya, Neurologe der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Beteiligte Fachdisziplinen sind dabei Neurologie, Psycho-, Physio- und Sporttherapie. Eine gründliche Aufklärung der Betroffenen sei essenziell. Dazu gehöre, den Zusammenhang zwischen häufiger Einnahme der Akutmedikamente und dem MOH ausführlich zu erläutern. Ziel sei es, an weniger als 15 Tagen pro Monat Analgetika und an weniger als 10 Tagen Triptane einzunehmen. Die nächste Stufe sehe eine Migräneprophylaxe vor, nicht medikamentös etwa mit Entspannungsverfahren, Ausdauersport, kognitiver Verhaltenstherapie oder Biofeedback und medikamentös mit Topiramat, Amitriptylin oder Onabotulinumtoxin A.

Medikamentenpause ambulant oder stationär

Bei ausbleibendem Erfolg ist eine Medikamentenpause angezeigt, also das abrupte Absetzen der Akutmedikation. Um den Betroffenen nicht zu verschrecken, vermeide er dabei das Wort „Entzug“, erklärte Kraya. Gegebenenfalls komme zur Reduktion der Attackenfrequenz und -intensität eine stationäre Behandlung infrage. Auch Depressivität und Angstsymptome sprächen gut auf eine solche Behandlung an.

Literatur

  1. Deutscher Schmerzkongress, „Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH) — Pathophysiologie, Therapie und E-Health“, Mannheim, 11. Oktober 2019Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Thomas M. Heim
    • 1
  1. 1.

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