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Schmerzmedizin

, Volume 35, Issue 5, pp 3–3 | Cite as

Was die Schmerzmedizin von der Homöopathie lernen kann

  • Springer Medizin
Editorial
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„Homöopathie lässt sich auch als Antwort auf ein Gesundheitssystem verstehen, das vom Spardiktat bestimmt wird, in dem jede Handlung getaktet ist und betriebswirtschaftliche Aspekte den medizinischen Bedarf überstimmen.“

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann

Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für innere Medizin und Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Kevelaer

Die Homöopathie ist für viele Patienten mit chronischen Schmerzen sicherlich eine verführerische Option. Wenn trotz Ausschöpfens medizinischer Möglichkeiten Schmerzen als nicht beherrschbar erfahren werden, liegt es für viele nahe, nach Therapieoptionen zu suchen, die als nebenwirkungsarm gelten und in der Bevölkerung hohes Ansehen genießen.

Es wurde bekannt, dass in Frankreich die Erstattung homöopathischer Arzneien durch Krankenkassen von der Regierung untersagt werden soll. Sind homöopathische Kügelchen und Tropfen in höchster Verdünnung keine Medikamente? Nun ist der Streit mit einer evidenzbasierten Medizin entbrannt, die zu Recht darauf hinweist, dass bis heute eine Wirkung von Homöopathika, die den Placeboeffekt übersteigt, nicht nachgewiesen werden konnte. Dennoch wird in Deutschland, ganz offensichtlich aus Marketinggründen, die Erstattung homöopathischer Mittel gern zugesagt. Einer der größten Krankenversicherer hat das damit begründet, dass „der Homöopath für seinen Patienten besonders viel Zeit hat“.

Diese Argumentation scheint mir ein Schlag ins Gesicht all der Ärzte zu sein, die sich schon immer viel Zeit genommen und im besonderen Maße um ihre Patienten bemüht haben. Der hohe Zeitaufwand ist ein zentrales Angebot einer seriösen Schmerzmedizin. Aus meiner Sicht handelt es sich um eine skandalöse Strategie, wenn die Krankenkassen homöopathische Angebote mit der Begründung erstatten, dass der Verordner sich hier mehr Zeit für den Patienten nimmt. Oder wenn an Homöopathika, einer gesetzlich nicht verankerten Kassenleistung, nicht gespart wird, gleichzeitig aber der Druck auf Ärzte bestehen bleibt, an Medikamenten, Brillengestellen und Hilfsmitteln zu sparen. Wie gesagt: Mein Verständnis gilt den Patienten, die diese Optionen suchen, wie auch der Wissenschaft, die für unsere Tätigkeit erforderlich ist.

Hat die Medizin das Vertrauen der Menschen verspielt?

Auf die Frage, warum die Homöopathie in Deutschland so weit verbreitet ist, gibt es nur eine Erklärung: Sie hilft! Bekannt ist schließlich, dass auch Maßnahmen auf Placeboniveau hilfreich sind. Deshalb stellt sich mir die Frage, ob wir mit der Homöopathie weitsichtig genug umgehen. Homöopathie lässt sich auch als Antwort auf ein Gesundheitssystem verstehen, das vom Spardiktat bestimmt wird, in dem Menschen durch eine Apparatemedizin geschleust werden, in dem jede Handlung getaktet ist und in dem betriebswirtschaftliche Aspekte den medizinischen Bedarf überstimmen. Der Patient erlebt die Geschwindigkeit eines Röhrensystems aus Anamnese, Diagnose und Therapie. Dies sollte uns zu denken geben. Wir haben offensichtlich das Gefühl dafür verloren, dass jeder Patient als Individuum ernst genommen werden muss, dass Krankheit mehr ist als ein Laborwert. Natürlich muss die Medizin wirtschaftlich sein, dennoch: Die Menschen haben das Vertrauen verloren in eine wissenschaftsbasierte Medizin, die so wirkt, wie sie sich derzeit darstellt: kalt und berechnend, studienkontrolliert.

Der Patient hat Anspruch darauf, verstanden zu werden, Ärzte sollen deshalb mehr zuhören, obwohl reden weniger lukrativ ist als invasives Vorgehen. Homöopathie erhebt den Anspruch, den Menschen „ganzheitlich“ zu behandeln. Auf diese Ganzheitlichkeit kann eine seriöse Medizin nicht verzichten.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin hat das Motto Individualisierung statt Standardisierung ausgerufen. Dieses Prinzip gehört zu unserem Markenkern, und es wird langsam immer mehr Menschen in seiner Doppelbedeutung bewusst.

Ihr

Johannes Horlemann

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