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Schmerzmedizin

, Volume 34, Issue 5, pp 3–3 | Cite as

Wissen, Zeit und Schmerz — Wie können wir klüger werden?

  • Springer Medizin
Editorial
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„„Die neu entstandene positive Atmosphäre zwischen den Fachgesellschaften in der Schmerzmedizin kann nur der erste, kleinere Schritt sein. Geduld und Hingabe müssen erst noch die Entscheidungsträger in der Versorgung erreichen.““

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Facharzt für Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Kevelaer; Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS, Geldern

Der Physiker Stephen Hawking, der Jahrzehnte nach der Erstdiagnose einer ALS im Frühjahr 2018 starb, gefesselt in einem zunehmend leblosen Körper, hatte behauptet: „Der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit, sondern die Illusion, wissend zu sein.“ Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wurde eines der erfolgreichsten Bücher der Welt, es thematisiert die wichtigste Ressource des Menschen: die Zeit.

Illusion über ausreichendes Wissen

Die Illusion, wissend zu sein, und der Faktor Zeit sind die beiden bezeichnenden Größen in der derzeitigen Umsetzung unseres Wissens hin zu einer Etablierung schmerzmedizinischer Versorgung. Die Zeit läuft uns davon, ohne dass wir bisher in der Lage sind, das Fach Schmerzmedizin in der Versorgungsplanung zu verankern oder in ausreichendem Maße attraktiv zu machen für eine jüngere Generation. Die Illusion, über ausreichendes schmerzmedizinisches Wissen und Kompetenz zu verfügen, kennzeichnet bis heute die Selbstwahrnehmung mancher Fachdisziplin. Eindeutige Zahlen aus der Versorgungsforschung widerlegen diesen verbreiteten Irrtum, aber wie wiederum Stephen Hawking meinte: jegliche Mathematik, beziehungsweise „jede mathematische Gleichung halbiert die Zahl der Leser“. Welches Kraut wächst gegen erstarrtes Denken? Und überhaupt: Welches Wissen meinen wir, das wir weitergeben könnten? Leitlinienwissen etwa aus der vorhandenen Evidenz? Oder doch aus der Erfahrung der praktizierenden Ärzte und der Patienten? Dass Selbstbetroffenheit einem Fachbereich weiterhelfen kann, hat die Entwicklung der Palliativmedizin gezeigt („Wir alle sind Sterbende, jeden Tag!“). Doch keineswegs wir alle sind Patienten mit chronischen Schmerzen.

Haben wir das Zeitalter der Vernunft hinter uns gelassen, unwiderruflich? Hilft nur die Flucht, wenn Argumente nicht weiterhelfen und unser unsicheres Wissen auf unsicherem Boden gedeiht? Stephen Hawking riet kurz vor seinem Tod, die Erde zu verlassen, um in neue Lebensräume vorzustoßen. Doch dies löst unser Problem wohl kaum, und es würde schwerkranke Menschen zurücklassen.

Faszination für unser Fach übertragen

Mit Albert Einstein hatte Stephen Hawking ein schwieriges Eheleben und mittelmäßige Schulnoten gemeinsam. Anders als Einstein, der mit seiner Erkenntnistheorie das Verständnis der Welt fundamental erweitert hat, liegt das Verdienst von Stephen Hawking in der außerordentlichen Hingabe und Geduld, mit der er auch bei deutlich weniger „Gebildeten“ Begeisterung für die Wissenschaft auslösen konnte. Dies vielleicht, nämlich die Faszination für unser Fach auf jüngere Menschen zu übertragen mit Geduld und Hingabe, könnte ein Weg sein. Die neu entstandene positive Atmosphäre zwischen den Fachgesellschaften in der Schmerzmedizin kann auf diesem Weg nur der erste, kleinere Schritt sein. Geduld und Hingabe müssen erst noch die Entscheidungsträger in der Versorgung erreichen: Krankenkassen, KVen und Ärztekammern sowie diejenigen Vertreter von Fachgesellschaften, denen Besitzstandswahrung über Versorgungsbedarf geht. Und die bis heute nicht verstanden haben oder verstehen wollen, dass neben Akutschmerzpatienten eine wachsende Zahl von Patienten durch unser und in unserem Gesundheitswesen chronifiziert. Weiterhin. Jeden Tag. Sehenden Auges.

In aller Geduld,

Ihr

Johannes Horlemann

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