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ZwischenWelten

Intermediate worlds

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Die Jahrestagung 2017 der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft fand vom 25. bis zum 28. Mai unter dem Titel ZwischenWelten – Das Psychische und die Welt im Wandel in Nürnberg statt.

Mit dem Namen Nürnberg verbindet man einerseits die Begriffe von Kunst und Kultur, von Romantik und Altertum. Für die Psychoanalyse ist Nürnberg insbesondere als Gründungsort der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung im Jahre 1910 bedeutsam sowie als Geburtsort des Psychoanalytikers Herbert Rosenfeld. Doch nur wenige Straßenzüge vom Tagungsort entfernt traten am 15.09.1934, dem „Nimmermenschtag“ (Paul Celan 1963, S. 73), die Rassengesetze in Kraft; Nürnberg wurde zur Stadt der Reichsparteitage und nach dem Kriege zum Ort der „Nürnberger Prozesse“.

Die Jahrestagung setzte sich mit den Folgen politischer und gesellschaftlicher Umbrüche und den Schrecken und Herausforderungen unserer Gegenwart auseinander. Wucht und Geschwindigkeit der Veränderungen haben massive Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl jedes Einzelnen; sie verändern Kommunikationsweisen, das Identitätsgefühl und Geschlechterrollen. Manche finden, das psychoanalytische Vorgehen selbst habe im Spannungsbogen zwischen Erstarrung und Innovation an Klarheit und Sicherheit verloren.

In der psychoanalytischen Technik und in der Metapsychologie verschieben sich die Akzente. Das Augenmerk richtet sich zunehmend auf das Dazwischen. Gegenüber der etablierten Vielfalt an psychoanalytischen Theorien und Praxen erscheint der Versuch ambitioniert, im Rahmen der psychoanalytischen Feldkonzeptionen, wie sie sich in der süd- und nordamerikanischen sowie der europäischen, insbesondere italienischen Psychoanalyse entwickelt haben, einen neuen „common ground“ zu entwickeln.

Wegweisend sind die fundamentalen Veränderungen durch Wilfred Bion, der die analytische Situation als „two-way affair“ denkt: Grundlegend ist, was sich zwischen Analytiker und Analysand ereignet und wie es reguliert wird. Das analytische Geschehen wird nicht nur durch den Analysanden konstituiert, durch seine spezifische innere Welt und Geschichte, sondern auch durch den Analytiker, durch dessen Art und Weise zu funktionieren und die Szene zu betreten.

Seinen Ausgang nahm das psychoanalytische Feldkonzept in den 1960er-Jahren durch die Arbeiten von Willy und Madeleine Baranger. Charakteristisch für das Feldkonzept ist die Verwendung eines narrativ-transformativen Stils, sodass Analytiker und Analysand gemeinsam ein sich fortlaufend änderndes Narrativ neuer Inhalte und Bedeutungen weben. Die Deutung wird in diesem Kontext zu einer „schwachen“, „ungesättigten“ und ist entschieden dialogisch und intersubjektiv angelegt. Ähnliche Konzeptualisierungen finden sich bei Thomas Ogden, in der nordamerikanischen intersubjektiven Tradition und in der bifokalen Einstellung sensu Helmuth Thomä. Manche sprechen von einem Paradigmenwechsel; andere halten diese Veränderungen nur für eine Akzentverschiebung, die sich bereits in der Affirmations- und Aktualisierungstheorie der Sandlers und im Konzept des szenischen Verstehens Hermann Argelanders finden lasse.

Zwischen theorieorientierten und praktizierenden Analytikern einerseits und um Hilfe suchenden Patienten andererseits finden wir in einer Art Zwischenwelt die Kandidaten der analytischen Ausbildung. Mehr noch als ihre im Beruf stehenden Lehrer erleben sie die Analyse und ihre Ausbildungsbedingungen durch den Wandel der Gesellschaft und an den Universitäten bedroht. Sie erfahren und lernen, wie man unbewusste Prozesse in hochfrequenten Analysen verfolgen kann, während sie es in universitären und beruflichen Kontexten mit verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Kollegen zu tun haben.

Die in diesem Heft abgedruckten Vorträge von Klaus Grabska, Stefano Bolognini, Anna Ursula Dreher, Harald Kamm und Franco De Masi setzen sich auf jeweils eigene Weise mit dem Tagungsthema auseinander, den schwer bestimmbaren Zwischenwelten, in denen sich unbewusste Prozesse entfalten, und folgen in ihrer Reihenfolge einer eigenen Dramaturgie.

In der Kinder- und Jugendlichenanalyse interessierte uns der gemeinsame Spielraum, Ausdruck einer gemeinsamen Schöpfung und immer schon ein Verweis auf die inszenatorische Kraft eines gemeinsamen Prozesses. Die beiden Vorträge von Angelika Staehle und Holger Salge, die sich diesem Thema widmen, werden aus Platzgründen in einem der nächsten Hefte des Forums veröffentlicht, ebenso der Abschlussvortrag von Veronika Grüneisen, der im nächsten Heft im Schwerpunkt „Das Dunkle“ erscheinen wird.

Literatur

  1. Celan P (1963) Die Niemandsrose: Gedichte. Dem Andenken Ossip Mandelstams. Fischer, Frankfurt am Main

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Correspondence to Dr. Harald Kamm.

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Focke, I., Kamm, H. ZwischenWelten. Forum Psychoanal 34, 5–6 (2018). https://doi.org/10.1007/s00451-018-0303-5

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