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Der verborgene Text

Fallgeschichten: Leerstellen und Ungeschriebenes

The concealed text

Case descriptions: voids and unwritten messages

Zusammenfassung

Nur ein sehr kleiner Ausschnitt psychoanalytischer Falldarstellungen wird tatsächlich geschrieben. Entgegen ihrem vermeintlichen Auftreten als „Bericht“ handelt es sich jedoch um eine Art Chimäre aus Tatsachen und Fiktion. Mittels der Falldarstellung gibt die Analytikerin nicht etwa objektive Tatsachen zu Protokoll, sondern ihre subjektive psychische Realität der gemeinsam mit dem Patienten erlebten Behandlung. In diesen Darstellungen wird zwangsläufig, teils intentional, teil unbewusst vieles verschwiegen. Der entstandene Text enthält ungeschriebene Botschaften und Leerstellen, die der Leser auf seine Weise verstehen und mit Bedeutung füllen kann. Erst durch die Zusammenführung von Produktion und Rezeption lassen sich der Text und damit seine Bedeutung verstehen.

Abstract

Only a very small fraction of psychoanalytical case descriptions is actually written up; however, in contrast to allegedly being presented as “reports”, they are a type of chimera consisting of facts and fiction. By means of case descriptions analysts do not actually put objective facts on record but describe their subjective mental reality of the treatment jointly experienced with the patient. In this representation it is unavoidable that many things are partly intentionally and partly unconsciously concealed. The resulting text contains unwritten messages and voids, which the reader can understand in his own manner and fill with his own interpretation. The text and therefore its interpretation can only first be understood by the merging of production and reception.

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Notes

  1. 1.

    Liebe Stefanie Sedlacek, herzlichen Dank!

  2. 2.

    Interessant ist der Kommentar von Pulver (2009, S. 43) zu diesem Punkt Michels’: „Diese [unbewussten] Einflüsse sind unvermeidbar und sie verringern den Wert des Fallberichts ganz entschieden nicht“. Aha! Aber warum nicht?

  3. 3.

    Das Hören (und Erzählen) von Falldarstellungen ist noch einmal ein besonderer ästhetischer Fall, auf den hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann.

Literatur

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  9. Pflichthofer D (2012): Spielregeln der Psychoanalyse. Psychosozial, Gießen

  10. Pulver, R (2009): Kommentare. In: Kächele H, Pfäfflin F (2009): Behandlungsberichte und Therapiegeschichten. Wie Therapeuten und Patienten schreiben. Psychosozial, Gießen, S 37–44

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  12. Spence DP (1993) Die Sherlock-Holmes-Tradition: die narrative Metapher. In: Buchholz MB (Hrsg) Metaphernanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S 72–120

  13. Walser M (2007) Die Verwaltung des Nichts. rororo, Reinbek

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D. Pflichthofer gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von der Autorin durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Pflichthofer, D. Der verborgene Text. Forum Psychoanal 32, 181–200 (2016). https://doi.org/10.1007/s00451-016-0229-8

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