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Anerkennung als interaktionelles Moment der Psychoanalyse*

Appreciation as an interactional moment in psychoanalysis

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Zusammenfassung

Nachdem in einem früheren Artikel (Daser 2003) die Theorie der Anerkennung ausführlicher entwickelt wurde, soll in dieser Arbeit dem Anerkennungsphänomen an praktisch-therapeutischen Beispielen nachgegangen werden. Zunächst wird Anerkennung als eine wertzuschreibende Handlung vorgestellt, die in Abhängigkeit vom Kontext das Selbstwertgefühl des Patienten stärkt und seine Beziehungsangst mindert, sodass er seine Abwehr reduzieren und sich dem analytischen Prozess zuwenden kann. Dabei erscheint Anerkennung einerseits als Wirkung der analytischen Methode, andererseits kann sie sich aber auch mit Interventionen verbinden, die dieser Methode zu widersprechen scheinen. Diese Interventionen erhalten damit eine die Selbsterfahrung des Patienten und damit den analytischen Prozess fördernde Wirkung. Dies wird an mehreren Beispielen ausgeführt. Darüber hinaus wird die Bedeutung der Anerkennung für Empathie hervorgehoben und am Fall eines sich zwischen Analytiker und Patient entfaltenden „Spiels“ Anerkennung als ein Element herausgearbeitet, das den Übergang von einer Reinszenierung zu einer Neuinszenierung ermöglicht. Schließlich wird Anerkennung mit den Konzepten von Stern (et al. 2002) sowie von Weiss und Sampson (1986) in Beziehung gesetzt. Dabei zeigt sich Anerkennung als ein Element des „Etwas-Mehr“, das die analytische Therapie nach Stern* über die Deutung hinaus benötigt. Dabei ist Anerkennung aber nicht nur ein Adjuvans, das der emotionalen Wegbereitung der Deutung dient. Vielmehr ist existenzielle Anerkennung, um die es hier im Unterschied zum pädagogisch gemeinten Lob geht, Ergebnis einer triangulierenden Bewegung und damit der Deutung prozessual korreliert. Anerkennung und Deutung erscheinen so als sich wechselseitig ergänzende Momente eines Selbsterfahrungsprozesses, in dem Einsichts- und Beziehungsbildung nicht zu trennen sind.

Abstract

After having developed a theory of appreciation in more detail in an earlier article (Daser 2003), the author examines now the phenomenon of appreciation in the practice of therapy. First, appreciation is presented as a value-ascribing act, strengthening the self-confidence of the patient and lowering his relationship-anxiety, thereby allowing him to reduce his defence and to get involved into the analytic process. Appreciation seems to be on the one hand an effect of the analytic method, but on the other hand it may be connected to interventions which seem to contradict this method. Such interventions assume therefore a fostering quality for the self-experience of the patient and, consequently, for the analytic process. This effect will be demonstrated here on several examples. Further, the importance of appreciation for empathy is elaborated on an example of “play” between analyst and patient as an element allowing the transition from re-enactments to new forms of enactment. At last, the concept of appreciation is related to concepts of Stern as well as of Weiss and Sampson. Appreciation turns out to be an element of that “something more”, Stern requires in his analytic therapy beyond the interpretation. But this “something more” is not only adjuvant for emotionally paving the way to interpretation. Existential appreciation is, in contrast to pedagogic praise, rather a result of triangulation and, therefore, processually correlated with interpretation. Appreciation and interpretation appear as complementarily interconnected moments in the process of self-experience, the formation of the relationship and the moment of insight being inseparably intertwined.

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Notes

  1. 1.

    Ich verwende Gegenübertragung im weiten Sinne des Begriffes als die Gesamtheit der in mir vom Patienten ausgelösten Phantasien und Gefühle.

  2. 2.

    Die Wandlung beginnt damit, dass die Patientin nicht mehr versucht, das ihr unangenehme Schweigen durch „Geschichten“ zu überspielen (faszinierende komödienhafte Schilderungen von „Unwesentlichem“; poetisch schön formulierte und dadurch echt anmutende Trauer; Fragen an den Therapeuten, die introspektiv wirken, aber der Steuerung/Kontrolle der Stunde dienen usw.). Dadurch kann folgende Assoziationskette erarbeitet werden: Unangenehmes Schweigen = ich hab nichts zu sagen = ich weiß nichts = der Andere kann nichts mir mir anfangen = ich bin ihm lästig, werde ausgeschlossen (Vater wendet sich ab, wenn ich kein „kluges Köpfchen“ bin) = ich bin dumm, hässlich, fett (Essprobleme) und schmutzig („Sauberkeitsfimmel“).

  3. 3.

    Stern et al. (2002). Die folgenden Ziffern beziehen sich auf die Seiten dieses Artikels. Eine geraffte Fassung der These findet sich in Stern et al. (2001).

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Der korrespondierende Autor versichert, dass keine Verbindungen mit einer Firma, deren Produkt in dem Artikel genannt ist, oder einer Firma, die ein Konkurrenzprodukt vertreibt, bestehen.

Author information

Correspondence to Dr. phil. Eckhard Daser.

Additional information

Erweiterte Fassung eines Vortrages, der auf der Arbeitstagung der „Stuttgarter Gruppe“ am 18. Nov. 2004 in Esslingen gehalten wurde.

* Den Hinweis auf den sachlichen Zusammenhang von Anerkennungsphänomen und Begegnungsmoment im Sinne Sterns verdanke ich Herrn Bruno Waldvogel, München.

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Daser, E. Anerkennung als interaktionelles Moment der Psychoanalyse*. Forum Psychoanal 21, 168–183 (2005). https://doi.org/10.1007/s00451-005-0235-8

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