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Wohnwünsche von Menschen mit komplexer Behinderung

  • K. SchrootenEmail author
  • C. BössingEmail author
  • K. TiesmeyerEmail author
  • D. HeitmannEmail author
Themenschwerpunkt
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Zusammenfassung

Hintergrund

Nach Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention müssen Menschen mit Behinderung hinsichtlich der Wahl ihres Wohnortes und -umfeldes die gleichen Wahlmöglichkeiten haben wie andere Menschen. Es stellen sich die Fragen, inwieweit dieses Anliegen für Menschen mit komplexer Behinderung derzeit gesichert ist, und wie ihre Wohnwünsche erhoben werden können.

Fragestellung

Ermittlung und (Weiter‑)Entwicklung von Methoden und Vorgehensweisen, um Wohnwünsche von Menschen mit komplexer Behinderung und pflegerischem Unterstützungsbedarf zu erfassen.

Material und Methode

Durchführung und Auswertung einer systematischen, internationalen Literaturrecherche; Erhebung von Wohnveränderungen in Form von leitfadengestützten Interviews; experimentelle Erprobung und Weiterentwicklung der Methoden und Vorgehensweisen zur Ermittlung von Wohnwünschen.

Ergebnisse

Es wurde deutlich, dass Menschen mit komplexer Behinderung über eingeschränkte Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Wohnsituation verfügen. Hinweise auf Wohn- und Lebensperspektiven der Zielgruppe ergeben sich insbesondere durch den Einsatz von personenzentrierten Methoden. Zudem lassen sich beeinflussende Faktoren und Herausforderungen identifizieren, wie beispielweise jahrelange Sozialisationserfahrungen in stationären Settings sowie stellvertretende Entscheidungsfindung.

Schlussfolgerungen

Wohnen und speziell Wohnwünsche werden bei der beschriebenen Zielgruppe bislang wenig thematisiert. Die Erfassung von Wohnwünschen setzt umfangreiche Kenntnisse über die Person voraus und verlangt intensive Beziehungsarbeit, sodass sich der Prozess der Wohnwunschermittlung als zeit- und ressourcenintensiv gestaltet.

Schlüsselwörter

Lebensbedingungen Selbstbestimmung Entscheidungsfindung Sozialisation UN-Behindertenrechtskonvention 

Housing wishes of people with complex disabilities

Abstract

Background

Article 19 of the United Nations (UN) Convention on the Rights of Persons with Disabilities requires people with disabilities to have the same possibilities as other people when choosing their place of residence and living environment. The question arises as to what extent this entitlement is currently ensured for people with complex disabilities and how their wishes can be ascertained in respect of living conditions.

Objective

Identification and (further) development of methods and procedures to document the housing wishes of people with complex disabilities and nursing care needs.

Methods

Implementation and evaluation of a systematic international literature search, survey of residential changes in the form of guided interviews, experimental testing and further development of methods and procedures for the identification of wishes related to living conditions.

Results

It transpired that people with complex disabilities have limited choices regarding their housing situation. Useful information about housing and living wishes of the target group results, in particular, from employing person-centered methods. Furthermore, influencing factors and challenges, such as long-term experience of socialization in inpatient settings and of custodial decision-making are also identified.

Conclusion

Currently, housing and special wishes related to living conditions of the described target group are not high on the agenda. The recording of such wishes requires extensive knowledge of the individual and involves intensive personal interaction, so that the process of determining the ideal housing format proves to be time-consuming and resource-intensive.

Keywords

Living conditions Self-determination Decision making Socialization UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities 

Notes

Förderung

Es handelt sich um ein auf 3 Jahre (Oktober 2016 bis September 2019) angelegtes Modellprojekt, das von den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Stiftungsbereich Bethel.regional durchgeführt, von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe wissenschaftlich begleitet und von der Stiftung Wohlfahrtspflege finanziell gefördert wird. Die externe Evaluation zu Ermöglichung und Realisierung von Beteiligung und Mitbestimmung der Selbstvertretungsgruppe erfolgt durch Prof. Dr. Gudrun Dobslaw (FH Bielefeld).

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

K. Schrooten steht in einem Beschäftigungsverhältnis zu den v. Bodelschwinghschen Stiftungen in einer anderen Stadt; sie gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. K. Tiesmeyer stand bis 2013 in einem Beschäftigungsverhältnis zu den v. Bodelschwinghschen Stiftungen; sie gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. C. Bössing und D. Heitmann geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Vor Durchführung der Studie erfolgte ein ethisches Clearing durch die Ethikkommission der DG-Pflegewissenschaft e. V., das die für diese Studie relevanten Punkte aus der Deklaration von Helsinki umfasst. Von allen Beteiligten und ggf. den rechtlichen BetreuerInnen liegt eine Einverständniserklärung vor.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-LippeBochumDeutschland

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