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Der Nervenarzt

, Volume 90, Issue 9, pp 944–949 | Cite as

Das psychiatrische Gutachten Bernhard von Guddens und die Entmachtung König Ludwigs II. von Bayern 1886

Ein Kommentar zum Beitrag von R. Steinberg in Der Nervenarzt 01/2019
  • H. HäfnerEmail author
Historisches

Zusammenfassung

Der bayerische König Ludwig II. ertränkte sich am 13.06.1886 im Starnberger See, nachdem er den Münchner Psychiater Bernhard von Gudden, der ihn zurückhalten wollte, überwältigt und ertränkt hatte. Von Gudden hatte den König im Auftrag dessen Nachfolgers, Prinz Luitpold, begutachtet und wegen fortschreitender Gehirnschwäche und Paranoia (Verrücktheit) für regierungsunfähig erklärt. Aufgrund dieses Gutachtens ist der König widerrechtlich entmündigt, entthront, festgenommen und unter ärztlicher Verantwortung von Guddens im Schloss Berg geschlossen untergebracht worden. Wir haben eine fünfjährige psychiatrisch-historische Studie, die bisher gründlichste zum Thema, durchgeführt. Ergebnisse waren: Die private, amtliche und politische Korrespondenz des Königs bis zum letzten Tag war vernünftig, gut begründet und stilistisch vorbildlich. Seine administrativen Aufgaben hat der König stets pünktlich und gut bis in die letzten Tage erfüllt und sein politisches Amt ebenfalls klug und vernünftig wahrgenommen. Vernachlässigt hat er seine Aufgaben als Herrscher wegen einer sozialen Phobie, unter der er seit seiner Jugend litt. Das Gutachten Guddens enthält schwere Mängel. In einem in Der Nervenarzt 01/2019 veröffentlichten Artikel übernimmt R. Steinberg die psychiatrische Diagnose und das falsche Urteil Guddens. Steinberg meint, die Krankheit des Königs habe sich „mit deutlichen Crescendo“ entwickelt, obwohl nur die mit den homosexuellen Beziehungen assoziierten Verhaltensanomalien des Königs und des Hofes zunahmen, während die geistige Leistungsfähigkeit sich positiv entwickelte. Wegen der historischen Fehlbeurteilung und der zahlreichen Irrtümer, die Steinberg von Gudden übernimmt, hielt ich es für nötig, Steinbergs Artikel einige unserer Ergebnisse gegenüberzustellen.

Schlüsselwörter

Missbrauch der Psychiatrie Regierungsunfähigkeit Forensisch-psychiatrisches Auftragsgutachten Verrückter (?) König Staatsstreich in Bayern 

Bernhard von Gudden’s psychiatric assessment and the deposition of King Ludwig II of Bavaria in 1886

Comments on the article by R. Steinberg in Der Nervenarzt 01/2019

Abstract

King Ludwig II of Bavaria drowned himself in Lake Starnberg on 13 June 1886 after subduing and drowning Bernhard von Gudden, a Munich-based psychiatrist who had tried to hold him back. Commissioned by Prince Luitpold, Ludwig’s successor to the throne, von Gudden had provided a psychiatric assessment on the king. Finding him to be suffering from a progressive mental illness and paranoia (madness), he declared Ludwig incapable of ruling. On the basis of this report Ludwig was unlawfully declared incapacitated, deposed, arrested and locked up in the Berg Castle under von Gudden’s medical supervision. We conducted a 5-year psychiatric historical study of King Ludwig II, the most thorough of its kind ever undertaken. The main results were: the private, official and political letters the king wrote until his very last day were reasonable, well-argued and impeccable in style. Until his final days Ludwig had invariably fulfilled his administrative tasks in a prompt and proper way. His handling of political affairs was also wise and reasonable. Due to social phobia afflicting him since his youth he neglected his representative duties as a monarch. Von Gudden’s report is marred by severe flaws. In his article published in Der Nervenarzt (01/2019) R. Steinberg adopts von Gudden’s psychiatric diagnosis and misjudgement. Steinberg writes that the king’s illness developed “in a clear crescendo”. In fact, it was the behavioral anomalies associated with the king’s homosexual relationships that grew increasingly prevalent at the court, whereas Ludwig’s mental efficiency improved over time. Given the historical misjudgment and numerous other errors that Steinberg adopts from von Gudden, I considered it necessary to compare and contrast his conclusions with results from our own research.

Keywords

Misuse of psychiatry Incapacity of ruling Forensic psychiatric expert report Mad (?) king Coup d’etat in Bavaria 

Notes

Interessenkonflikt

H. Häfner gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Arbeitsgruppe Schizophrenieforschung, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, J5, Medizinische Fakultät MannheimUniversität HeidelbergMannheimDeutschland

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