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Der Nervenarzt

, Volume 89, Issue 10, pp 1081–1082 | Cite as

Interdisziplinäre Herausforderungen in der Neuromedizin

  • M. Dieterich
  • A. Zwergal
Einführung zum Thema

Interdisciplinary challenges in neuromedicine

Moderne Neuromedizin und Neurowissenschaft ist nur im Kontext einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit denkbar. Die Notwendigkeit einer strukturierten Interaktion zwischen den benachbarten Fächern zeigt sich an der aktuellen Diskussion zu den Themen Translation [7] und Transition [6] sowie an der Förderung interdisziplinärer klinischer und wissenschaftlicher Zentrums- und Netzwerkstrukturen auf nationaler und europäischer Ebene [1].

Bei der Translation geht es darum, Schnittstellen zu entwickeln, die einen zügigen und effektiven Transfer grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Forschung und Versorgung ermöglichen. Misserfolge bei klinischen Studien etwa zur Neuroprotektion bei Schlaganfall oder Verlaufsmodifikation bei neurodegenerativen Erkrankungen haben ihre Grundlagen zum Teil auch in einer mangelnden Abstimmung präklinischer und klinischer Studiendesigns und einer Vernachlässigung von Qualitätsstandards in der Planung und Auswertung von Daten aus Zell- oder Tiermodellen [3, 4, 5].

Strukturierte Transitionsprogramme befinden sich auch in der Neuromedizin im Aufbau

In der Transition geht es um die lückenlose Betreuung von Patienten am Übergang von der Adoleszenz zum Erwachsenenalter. Häufige Probleme ergeben sich dabei aus einem unsystematischen Informationsfluss zwischen den beteiligten Disziplinen und der Schwierigkeit, ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis zu etablieren, innerhalb dessen der Patient den Rollenwechsel zum selbstständigen Entscheidungsträger erfolgreich vollziehen kann. Strukturierte Transitionsprogramme befinden sich auch in der Neuromedizin im Aufbau [2].

Anlässlich der Neurowoche 2018, bei der sich Neurologen, Neuropädiater und Neuropathologen wieder zum intensiven Austausch zusammenfinden werden, haben wir das Thema „Interdisziplinäre Herausforderungen in der Neuromedizin“ in den Mittelpunkt der aktuellen Ausgabe von Der Nervenarzt gestellt. Die Autoren schildern dabei am Beispiel klinisch relevanter Krankheitsbilder Entwicklungen in der Grundlagenwissenschaft und klinischen Forschung, beleuchten Schnittbereiche der Neurologie mit benachbarten Disziplinen und diskutieren die spezifischen Anforderungen bei der Transition von Patienten mit chronischen neurologischen Krankheiten.

G. Höglinger und Kollegen geben einen umfassenden Überblick zu den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Tauopathien. Dabei beleuchten sie Forschung und Klinik aus der Sicht des Neuropathologen, Nuklearmediziners und Neurologen. Im Beitrag wird dargestellt, wie in einem erfolgreichen Translationsprozess die Identifikation pathologischer Aggregate durch den Neuropathologen und die präklinische Erforschung der Krankheitsmechanismen zur Entwicklung molekularer bildgebender Verfahren für den Tau-Nachweis bei Patienten und zu Ideen für eine pharmakologische Modulation des Krankheitsverlaufs geführt haben.

C. Trebst und T. Kümpfel behandeln im Beitrag „Neuroimmunologie und Rheumatologie“ das klinisch wichtige Thema der autoimmun-entzündlichen Krankheitsbilder in der Neurologie. Sie stellen anhand von Kasuistiken anschaulich dar, dass neuroimmunologische Krankheitsbilder wie die Multiple Sklerose in Assoziation mit anderen rheumatischen Erkrankungen vorkommen können, dass aber auch systemische autoimmunologische Syndrome wie ein Lupus erythematodes oder eine Sarkoidose gelegentlich zu einer Beteiligung des zentralen Nervensystems führen.

Im Beitrag „Neurootologie“ von A. Zwergal und Kollegen geht es um interdisziplinäre Herausforderungen bei der diagnostischen Einordnung und Therapie des Leitsymptoms Schwindel und insbesondere um Grenzfälle, bei denen eine gemischt peripher- und zentral-vestibuläre Störung vorliegt. Das interdisziplinäre Autorenteam weist auf die Notwendigkeit einer umfassenden otologischen und neurologischen Diagnostik bei Patienten mit Schwindel, Gleichgewichts- und Gangstörungen hin.

J. Kirschner und B. Schoser geben in ihrem Beitrag zu hereditären neuromuskulären Erkrankungen einen aktuellen Überblick zu neuen pathophysiologisch orientierten Therapieansätzen. Die Entwicklung von Gentherapien bei diesen seltenen Krankheitsbildern ist dabei der Erfolg von translationaler Forschung über Jahrzehnte und steht beispielhaft für die therapeutischen Perspektiven bei hereditären neurologischen Erkrankungen im Allgemeinen.

Das Thema Transition wird im Beitrag von U. Schara, G. Fink und A. von Moers behandelt. Anhand neuromuskulärer Erkrankungen werden die spezifischen Herausforderungen am Übergang von der Adoleszenz zum Erwachsenenalter anschaulich dargestellt. Dabei werden praktisch relevante Fragen nach Zeitpunkt und Ablauf dieses Prozesses diskutiert und neue Strukturen und Visionen zur erfolgreichen Umsetzung vorgestellt.

N. Jung und Kollegen berichten von vielversprechenden Ansätzen zum Thema Neuromodulation in der Kinderneurologie. Anhand repräsentativer Krankheitsbilder wird die Bedeutung einer gestörten neuronalen Plastizität bei kindlichen Entwicklungsstörungen diskutiert, zudem werden die Möglichkeiten einer positiven Beeinflussung durch neuromodulatorische Ansätze wie die transkranielle Magnetstimulation dargestellt.

Die Beiträge dieser Ausgabe von Der Nervenarzt illustrieren die Vielfalt der interdisziplinären Schnittstellen in der Neuromedizin sowie die spezifischen Herausforderungen und Chancen einer strukturierten Zusammenarbeit der benachbarten Fächer. Arbeitsmodelle zur Optimierung der Translation und Transition befinden sich noch in der Planungs- und Aufbauphase. Eine systematische wissenschaftliche Begleitung dieses Prozesses und ein Wettstreit der besten Ideen werden nötig sein, um in den nächsten Jahren substanzielle Fortschritte zum Wohl unserer Patienten zu erreichen.
Prof. Dr. M. Dieterich

PD Dr. A. Zwergal

Notes

Interessenkonflikt

M. Dieterich und A. Zwergal geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Neurologische Klinik und Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum (DSGZ)Universitätsklinikum München, Campus GroßhadernMünchenDeutschland

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