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Zunehmende Wetterextreme sind Gründe, die gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel ernst zu nehmen

  • Hans-Guido MückeEmail author
  • Wolfgang StraffEmail author
Editorial
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Increasing weather extremes are reasons to take health adaptation to climate change seriously

Dass Wetter etwas mit dem Wohlbefinden und der Gesundheit zu tun hat, ist den meisten Menschen durchaus bewusst: Aus eigener Erfahrung oder von Berichten aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis werden Wetterfühligkeit sowie Kälte- oder Hitzeauswirkungen auf den Menschen generell nicht infrage gestellt.

Ernst genommen werden diese Auswirkungen auf die Gesundheit jedoch nicht immer: Obschon das grundsätzliche Wissen darüber vorhanden ist, dass sich das Klima erwärmt und dies auch bedeutsam für das Leben vieler Menschen sein kann, wird die Bedeutung für das eigene Leben und Handeln nicht unbedingt gesehen. „Das Wetter macht eben, was es will. Das hat es immer schon gegeben und wir Menschen sind schon seit Jahrtausenden daran angepasst“, ist eine häufige Reaktion nicht nur von Klimawandelskeptikern, sondern auch von Menschen, die zwar den Klimawandel als globales Problem erkannt haben, die Notwendigkeit, sich im eigenen Land anzupassen (und zwar aus Gründen des Gesundheitsschutzes), jedoch nicht realisieren oder wahrhaben wollen.

Das Jahr 2018 war im Hinblick auf extreme Wetterlagen ein für die zukünftig erwarteten Folgen des Klimawandels beispielhaftes Jahr. Wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) berichtete, war 2018 in Deutschland unter anderem
  • das sonnenscheinreichste Jahr seit 1951 (ca. 2020 h im Gesamtmittel) mit einem neuen Sonnenscheinrekord in Berlin von 2165 h,

  • das wärmste Jahr (Temperaturdurchschnitt: 10,4 ℃) seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881.

Zudem erlebte die deutsche Bevölkerung
  • den viertwärmsten Juli seit 1881 und den

  • zweitheißesten Sommer seit 1881 (heißester Sommer nach 2003).

Die Temperaturen lagen
  • 2,2 ℃ höher gegenüber der derzeit noch gültigen Klimanormalperiode 1961–1990 und

  • 1,8 ℃ höher gegenüber 1981–2010 (gleitendes 30-Jahres-Mittel).

In vielen Regionen zeigten sich die Probleme einer ausgeprägten Dürre mit Ernteeinbußen und teilweise -ausfällen. In der zweiten Jahreshälfte stiegen deshalb z. B. die Kartoffelpreise deutlich an. Unwetter verwüsteten gleichzeitig in verschiedenen Regionen Deutschlands ganze Stadtteile, die unter Wasser gesetzt oder durch Sturm und Hagel geschädigt wurden. Die Auswirkungen mehrerer großer Waldbrände gefährdeten nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern verunsicherten auch die Menschen in größerer Entfernung. Zum Beispiel war in weiten Teilen Berlins über mehrere Tage Brandgeruch aufgrund von Waldbränden im Umland wahrnehmbar.

Die Veränderungen der Umwelt, insbesondere in den Alpen und Küstenregionen sowie die schwindenden Trinkwasserreserven z. B. in Stauseen, bereiten vielen Menschen ein Unbehagen. Die Berichte über neue Infektionskrankheiten, die z. B. durch Mücken oder Zecken übertragen werden können, über Erkrankungen durch eine mangelhafte Badegewässerqualität, z. B. durch Cyanobakterien, und über die Verlängerung der Pollenexposition für Allergiker verunsichern viele Menschen, vor allem jene, deren Gesundheit bereits vorgeschädigt ist.

Nicht zuletzt aufgrund solcher Entwicklungen auch in sonst kühleren Regionen Europas protestieren aktuell Schülerinnen und Schüler vieler europäischer Staaten, aber auch weltweit für wirkungsvolle Maßnahmen zum Schutz des Klimas. Viele Menschen sind besorgt um den Zustand der Umwelt und damit zusammenhängend auch um ihre Gesundheit: In den repräsentativen Studien „Umweltbewusstsein in Deutschland“ des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes werden die Folgen des Klimawandels als besonders besorgniserregend bewertet. 2016 nahmen 55 % der Befragten Klimawandelfolgen als ein sehr bedrohliches Umweltrisiko wahr. Hinsichtlich der Auswirkungen von Hitze gaben 50 % der Befragten an, dass ihr körperliches Wohlbefinden oder die eigene Gesundheit durch Hitzewellen stark (37 %) oder extrem stark (13 %) betroffen sei, und 46 % erklärten, dass die Leistungsfähigkeit z. B. am Arbeitsplatz stark (34 %) bis extrem stark (12 %) beeinträchtigt sei. 20 % der Befragten gaben in der gleichen Umfrage 2014 an, durch Hochwasser oder Stürme an der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus Schäden erlitten zu haben (starke und sehr starke Betroffenheit, diese Frage wurde 2016 nicht gestellt). Hervorzuheben ist hier, dass es sich um eine repräsentative Onlinebefragung handelte, die Teilnehmenden also zufällig ausgewählt wurden, weshalb ein Bias durch eigene Betroffenheit oder besonderes Interesse weitgehend ausgeschlossen werden kann.

Die Auswirkungen des Klimawandels scheinen auch in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, jedoch besteht nach wie vor eine ausgeprägte Unsicherheit und teilweise Skepsis vieler Akteure hinsichtlich der erforderlichen präventiven gesundheitlichen Anpassungsmaßnahmen. Offenbar scheint oft die Auffassung vorzuliegen, dass es wohl so schlimm nicht kommen wird – zumindest nicht in absehbarer Zeit oder im eigenen Verantwortungsbereich. Dies kann eine Fehleinschätzung mit möglicherweise dramatischen Folgen sein, denn hinsichtlich der Anpassung an den Klimawandel (welcher auch mit größtmöglichen Anstrengungen in der Klimaschutzpolitik unvermeidlich wäre) können alle Menschen einen Beitrag leisten, besonders solche, die Entscheidungen treffen. Hier sind nicht nur politische Entscheidungen gemeint, sondern auch jene, die Investitionen im öffentlichen wie auch privaten Bereich betreffen. Gesundheitsschutz ist auch im Fall des Klimawandels dabei meist nicht kostenfrei erhältlich. Neben finanziellen Investitionen sind auch Verhaltensänderungen und Bildungsangebote erforderlich.

Wir haben dieses Themenheft zusammengestellt, um einen aktuellen Überblick zu geben über die derzeitigen Herausforderungen. Die Beiträge dieses Heftes gliedern sich in drei Schwerpunkte.

Während die ersten drei Beiträge einen Überblick über Klimawandel und Gesundheit geben, befassen sich die Beiträge des zweiten Schwerpunkts mit methodischen Ansätzen zur Risikocharakterisierung von klimawandelbedingten Extremwetterereignissen. In einem dritten Schwerpunkt geht es dann um mögliche Anpassungsmaßnahmen zur Prävention, die derzeit schon getroffen oder diskutiert werden. Hierzu gehört auch die Weiterentwicklung im Bereich des Pollenmonitorings. Vor dem Hintergrund des veränderten Klimas mit verlängerten und veränderten Wachstums- und Blühbedingungen von allergenen Pflanzen stellen wir in einem Positionspapier die Ergebnisse verschiedener Workshops eines fachübergreifenden Arbeitskreises vor, die sich mit dem Status quo wie auch möglichen Entwicklungen im Bereich der Pollenerfassung und -bewertung befassen.

Das vorliegende Heft soll eine Hilfestellung für Entscheidungsträger im öffentlichen Gesundheitsdienst und im wissenschaftlichen Bereich bieten, denn hinsichtlich gesundheitlicher Folgen des Klimawandels ist noch deutlicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf vorhanden. Es soll neben der Information über laufende oder abgeschlossene Projekte auch Anregungen dafür bieten, aktiv zu werden, und dabei helfen, die Bedeutung von Wetter und Klimawandel medizinisch und gesundheitspolitisch einzuordnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Hans-Guido Mücke

Dr. Wolfgang Straff

Notes

Interessenkonflikt

H.-G. Mücke und W. Straff geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.Fachgebiet II 1.5 Umweltmedizin und gesundheitliche BewertungUmweltbundesamtBerlinDeutschland

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