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Psychiatriereform braucht gute Planung – Bund, Länder und Kommunen tragen dafür Verantwortung

  • Hermann ElgetiEmail author
Leitthema
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Zusammenfassung

Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über ein umfangreiches und ausdifferenziertes, allerdings zersplittertes und wenig koordiniertes psychiatrisches Versorgungssystem. Die Hilfsangebote sind regional nicht bedarfsgerecht verteilt und nur mangelhaft in die soziale Infrastruktur der Kommunen eingebettet. Konkurrenz und die zunehmende Ökonomisierung behindern die Kooperation in den regionalen Netzwerken. Die seit der Psychiatrieenquete von 1975 vorgeschlagenen Steuerungsmodelle haben sich als dysfunktional erwiesen.

In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, was geschehen muss, um den erheblichen Mitteleinsatz zur Behandlung und Betreuung der Betroffenen entlang zeitgemäßer Versorgungskonzepte und ethisch-fachlicher Grundwerte wirksamer zu gestalten.

Auf der Basis persönlicher langjähriger Beobachtung des Versorgungsgeschehens und verantwortlicher Mitwirkung auf den Ebenen des Bundes, der Länder und Kommunen skizziert der Artikel die Versuche der Koordination und Planung gemeindepsychiatrischer Versorgungssysteme in den letzten 40 Jahren. Anschließend werden vier Ebenen der Psychiatrieplanung verknüpft: individuelle Hilfeleistung, institutionelle Qualitätsentwicklung, regionale Vernetzung und politische Rahmensetzung.

Die Psychiatriereform braucht mehr denn je gute Planung. Für die Planung von Einzelfallhilfen, die Organisationsentwicklung von Hilfsangeboten, die Zusammenarbeit im regionalen Verbund und die psychiatriepolitische Rahmensetzung empfiehlt sich ein integrierter Ansatz. Ein nachhaltiges und abgestimmtes Engagement der Bundes‑, Landes- und Kommunalpolitik ist unverzichtbar, um dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Zu diesem Zweck sollte eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter Einbeziehung der kommunalen Spitzenverbände eingesetzt werden, fachlich-konzeptionell unterstützt von einer trialogisch besetzten Expertenkommission.

Schlüsselwörter

Psychiatriereform Inklusion Psychiatriepolitische Koordination und Planung Qualitätsentwicklung in der Gemeindepsychiatrie Landespsychiatrieplan 

Psychiatric reform needs good planning—a national, federal, and regional responsibility

Abstract

While the German mental health system is extensive and well differentiated, at the same time it is fragmented and lacks coordination. Services do not necessarily follow regional demand. They are not sufficiently integrated into the local social infrastructure. Competition and market mechanisms obstruct cooperation in regional networks. Service management proposed by the 1975 German psychiatric reform (“enquete”) has proven to be dysfunctional.

This article explores the question of what is necessary to allocate available resources for treatment and care according to modern service concepts and both ethical and professional standards adequately.

Based on several years of observation and of playing an active part on the national, federal, and local level, this paper presents concepts of coordination and planning of community mental health services over the last 40 years. As a result, four topics of mental health service planning are presented: individual need for support, institutional quality development, regional networking, and political frameworks.

More than ever, psychiatric reform is in need of good planning. A suggested concept integrates the following: (1) good planning of individual assistance, (2) organizational development of mental health services, (3) cooperation in regional networks, and (4) a political framework. Thus, national, federal, and regional activities should be sustainably aligned. We recommend a working group integrating national, federal, and regional policy makers – backed by a trialogic expert advisory board.

Keywords

Mental health reform Inclusion Psychiatric-political coordination and planning Quality development in community psychiatry Federal psychiatry plan 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

H. Elgeti ist seit langen Jahren im Rahmen seiner Dienstaufgaben auf verschiedenen Ebenen der Psychiatrieplanung für das Land Niedersachsen, das Land Vorarlberg (Österreich) und die Gebietskörperschaft Region Hannover tätig. Von 2007 bis 2018 war er Geschäftsführer des Landesfachbeirates Psychiatrie Niedersachsen. Er koordiniert das Netzwerk Sozialpsychiatrischer Dienste in Deutschland, ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und der Aktion Psychisch Kranke. Zuletzt beteiligte er sich an einer Projektgruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Psychosoziale Versorgung – Brauchen wir eine neue Psychiatrie-Enquete?“ und erhielt in diesem Zusammenhang seine Reisekosten ersetzt.

Dieser Beitrag beinhaltet keine vom Autor durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Region Hannover – Stabsstelle Sozialplanung (II.3)Dezernat für soziale InfrastrukturHannoverDeutschland

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