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Uro-News

, Volume 23, Issue 4, pp 58–58 | Cite as

Renaissance ohne Michelangelo?

Genie und Gemächt

  • Meinrad v. Engelberg
Prisma URO-Kult
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Zugegeben — sie hatten schon bessere Tage, die „alten weißen toten Männer“. Früher waren sie auf das postume Prädikat „Genie“ geradezu abonniert. Heutzutage widmet sich die Kunstgeschichte, jene Disziplin, mit der der Autor dieser Zeilen sein Brot verdient, bevorzugt anderen Fragen und Menschen: Sie sollten am besten weiblich oder queer, aus dem globalen Süden oder einer marginalisierten Community stammen, mit einem schweren Schicksal geschlagen oder bislang verkannt sein, um biografisch zu interessieren. Für ein Kunstwerk ist es dagegen von immensem Vorteil, irgendwann einmal unrechtmäßig den Besitzer gewechselt zu haben: Grafiken aus der Gurlitt-Sammlung oder Benin-Bronzen in europäischen „Völkerkundemuseen“ ist heute jede Aufmerksamkeit gewiss.

Höllensturz mit urologischem Ungemach

© The Picture Art Collection / Alamy / mauritius images

Kunstwerke mutieren zu Indizien

Die früher sogenannten „Meisterwerke“ einer einstmals kanonisierten Epoche wie der italienischen Renaissance werden dagegen längst nicht mehr unter den verstaubten Kriterien der ästhetischen Perfektion oder gestalterischen Innovationskraft untersucht, sondern vor allem kulturhistorisch dechiffriert und kontextualisiert: Welche dynastisch-propagandistische Absicht verfolgte jener Kardinal, als er diese Statue bestellte? Welche Marktmechanismen bediente A, als er sich entschloss, ausgerechnet eine Figurengruppe des Künstlers B seitenverkehrt in seinen Kupferstich zu übernehmen? Lag der Schatten der Inquisition über der Komposition dieser nur scheinbar harmlosen biblischen Szene? Welche verdeckte Kritik am politischen System seiner Heimatstadt verband der Maler mit der Darstellung ausgerechnet dieser Liebesszene Jupiters in seinem Deckenfresko?

Kunstwerke mutieren hierbei zu Indizien in einem Prozess zur Durchleuchtung der Vergangenheit unter genau jenen Fragestellungen, die die Gegenwart jeweils besonders interessieren. Hierfür ist die genuine gestalterische Qualität der „Beweisstücke“ eher zweitrangig. Wer braucht heute noch „Genies“?

Ein kontrafaktisches Gedankenexperiment

Stellen wir uns vor, einem jungen hoffnungsvollen Florentiner Künstlereleven namens Michelangelo Buonarroti wäre im zarten Alter von 15 Jahren mit letalem Resultat ein Dachziegel auf den Kopf gefallen. Hätte die Kunstgeschichte dadurch irgendeinen anderen Verlauf genommen?

An den Souvenirständen der Arnostadt werden viele kleine Nachbildungen des etwas ungeschlachten Hercules von Baccio Bandinelli verkauft, jener berühmten Statue rechts vom Portal des Palazzo Vecchio — während der linke Sockel, leider, für immer leer blieb. Angeblich war dafür eine niemals ausgeführte Davidfigur vorgesehen.

Der Papst in Rom erhebt seine Augen zur bis heute kahlen Decke der Sixtinischen Kapelle, denn die geplante Freskierung durch Leonardo war — wie üblich bei diesem Künstler — nicht über das Projektstadium hinausgelangt. Das ist umso bedauerlicher, weil sich der gewaltige Petersdom nebenan, nach 114-jähriger Bauzeit getreu dem Holzmodell Antonio da Sangallos vollendet, niemals in die Herzen der Gläubigen hatte spielen können: Zu dunkel, zu kompliziert, zu überladen, dogmatisch und kleinteilig. Aber wer hätte als Künstler schon das Zeug gehabt, mitten im weit fortgeschrittenen Bauprozess das Steuer noch einmal herumzureißen und eine völlig andere Kuppelgestaltung durchzusetzen?

Ein Weltgericht für (Nicht-)Urologen

Vor allem ein Berufsstand wäre um ein bedeutendes Anschauungsobjekt ärmer: Die Urologen. Wann hat die Darstellung des Gemächts jemals solche Wellen geschlagen wie auf dem Fresko an der Westwand jener bereits erwähnten Sixtinischen Kapelle? Dort befände sich nämlich bis heute das vermutlich kreuzbrave Himmelfahrtsgemälde von Ghirlandaio, das Michelangelo zwischen 1535 und 1541 mit seinem berühmten Weltgericht übermalte. Darin wird den Verdammten beim Höllensturz von den Dämonen so drastisch in den Schritt gegriffen, dass ein deutlich prüderer Amtsnachfolger Petri kaum 15 Jahre später diese Blöße durch hinzugemalte Unterwäsche überdecken ließ. Erst bei der Restaurierung 1990 wurde die originale genitale Pracht endlich wieder freigelegt.

Mal ehrlich — wollten auch Nicht-Urologen darauf wirklich verzichten?

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Authors and Affiliations

  • Meinrad v. Engelberg
    • 1
  1. 1.TU DarmstadtDarmstadtDeutschland

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