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Uro-News

, Volume 23, Issue 2, pp 58–58 | Cite as

Explizitheit und Sprachökonomie

Genus und Sexus

  • Roland Kaehlbrandt
Prisma URO-Kult
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Studenten, Studentinnen und Studenten, StudentInnen, Student*innen oder Studierende?

© Steve Debenport / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“, heißt es in der Fernsehwerbung für Medikamente — noch.Denn wenn es nach den Maximen des Gender-Deutsch geht, sollen Personenbezeichnungen nicht mehr die Form des generischen Maskulinums annehmen.

Das generische Maskulinum gilt in dieser Sicht nicht als eine vom biologischen Geschlecht abstrahierende Kategorie, sondern als biologisches Maskulinum. „Der Arzt“ oder „der Apotheker“ wird also nicht mehr als geschlechtlich unmarkiert akzeptiert, sondern als männliches Exemplar interpretiert. Gemeint ist aber bislang der Mensch, der Arzt oder Apotheker ist, nicht der Mann.

Und so wird die Fernsehwerbung auch verstanden. Wenn wir allerdings diese Wortbedeutung nicht mehr weiter gebrauchen, wenn wir also als Sprachgemeinschaft dazu übergehen, Personenbezeichnungen in dieser Form grundsätzlich biologisch-geschlechtlich zu interpretieren, dann kann die Kurzform „der Arzt“ oder „der Apotheker“ nicht mehr im geschlechtlich unmarkierten Sinn verwendet werden, dann müssen wir sagen: „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker“. Das klingt ziemlich umständlich, und wahrscheinlich wird uns das Gesetz der Sprachökonomie, also des geringen Aufwandes, über kurz oder lang andere Formen suchen lassen; aber derzeit geht es in der Debatte um das Gender-Deutsch nicht um knappe Ausdrucksweise, sondern um sprachliche Explizitheit des weiblichen Geschlechts.

Der metaphorische Geschlechterbegriff

Allein so einfach ist es nicht, das bestehende System der Genera umzubauen, denn es hatte als System auch seinen Sinn. Nicht unproblematisch ist die Gleichsetzung von Genus und Sexus. Gewiss, wir sprechen vom „grammatikalischen Geschlecht“, von „männlich“, „weiblich“, übrigens ja auch von „sächlich“.

Der Begriff des Geschlechts ist eigentlich ein biologischer Begriff, deshalb liegt der Schluss der Gleichsetzung auch so nahe. Nur wird der Begriff des Geschlechts in der Bezeichnung grammatikalischer Kategorien als Metapher, als Wortbild verwendet, nicht im wörtlichen Sinne. Die lateinische Unterscheidung von Genus und Sexus ist deutlicher als die deutsche, welche beide Begriffe in einem, eben dem des „Geschlechts“, verwendet, allerdings immerhin mit dem präzisierenden Zusatz „grammatikalisch“.

Mittelinitiale und Gerundium

Was also tun, um geschlechtlich unmarkiert zu formulieren, das generische Maskulinum aber dabei zu kippen?

Ein Versuch ist die Mittelinitiale, das Binnen-I. Allerdings hört man die Mittelinitiale nicht, zum Beispiel wenn jemand von ÄrztInnen spricht. Ein anderer Versuch ist die Neupositionierung des Gerundiums, etwa Rad Fahrende statt Radfahrer oder zu Fuß Gehende statt Fußgänger.

Bekannter ist das Beispiel der Studierenden. Nur geht hier die aktionale Bedeutung verloren, die das Gerundium ausmacht, denn Studierende sind im Unterschied zu Studenten Menschen, die eben gerade im Begriff sind zu studieren. Der verstorbene Studierende ist eigentlich ein Widersinn. Auch tritt beim Gerundium die Komplikation auf, dass nicht jeder Backende ein Bäcker und nicht jede Denkende eine Denkerin ist. Das substantivierte Gerundium ist eben gewöhnlich eine Zwischenstufe zum vollständigen Substantiv.

Noch vertrackter wird es im Falle von Transgender. Hier ist die Biologisierung des Genus auch kein Ausweg. Daran ändert auch der Gender-Stern (Testamentvollstrecker*innen), den man ja auch nicht hören kann, nichts.

Logische Schwierigkeiten

Möglich ist auch der Verzicht auf einen unmarkierten Oberbegriff, indem im Plural grundsätzlich beide Geschlechter genannt werden („liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“); diese Variante ist aber sehr lang, sodass gerade die weibliche Endung häufig verschluckt wird („liebe Mitarbeiter und Mitarbeiter“). Hier stößt man überdies auf logische Schwierigkeiten, wenn es um Regelaussagen geht: „Frauen sind die besseren Autofahrer“, hieß es bislang. Dass sie die besseren Autofahrerinnen und Autofahrer seien, ist keine sinnvolle Aussage.

Nicht zuletzt kommen sich die biologisch expliziten Formen und die Bemühungen um „Deutsch in leichter Sprache“ in die Quere, denn Umständlichkeit und Längen sollen hier unbedingt vermieden werden. Das betrifft auch die Sprache der Gesetze.

Biologisch oder ökonomisch?

Es ist also nicht leicht, ein bestehendes System umzubauen, auch wenn das Deutsche durch seine Elastizität viele Möglichkeiten bietet. Es bleibt spannend, ob sich die expliziten biologischen Formen und die damit einhergehenden Verschiebungen in der Bezeichnungsarchitektur des Deutschen gegen Tendenzen der Sprachökonomie durchsetzen werden. Wie es auch immer ausgehen mag: Bereits jetzt sind im Wortschatz unserer Sprache 46 Prozent aller Substantive weiblich, nur 31 Prozent sind männlich.

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Authors and Affiliations

  • Roland Kaehlbrandt
    • 1
  1. 1.

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