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HNO Nachrichten

, Volume 48, Issue 4, pp 3–3 | Cite as

Big Data — der neue Heilsbringer?

  • Springer Medizin
Editorial
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„Wer meint, Datenvielfalt führt automatisch zu klaren Aussagen, unterliegt einem Irrglauben.“

Prof. Dr. med. Gerhard Grevers Chefredaktion

Eines der zentralen Themen, die die neue Bundesregierung im Gesundheitsbereich „anpacken“ will, ist die Digitalisierung — klingt zunächst mal modern und zukunftsträchtig. Mir fällt bei diesem ganzen Digital-Hype allerdings spontan die Nummer mit der elektronischen Gesundheitskarte oder die Telematikdiskussion ein, die ja schon seit Jahren angekündigt wird, summa summarum bereits fast 3 Milliarden Euro an Entwicklungskosten verschlungen hat, aber den Weg in die Umsetzung immer noch schuldig bleibt. Wie so vieles halt, was von der Politik mit dicken Backen propagiert wird.

Gesundheitskarte und Probleme mit der Telematikinfrastruktur sind aber eher klein-klein im Vergleich dazu, was uns von einer weltfremd-hypertrophen Allianz aus Politik, Wirtschaft und leider auch Teilen der Ärzteschaft als „der“ Durchbruch in Diagnostik und Therapie versprochen wird. „Big Data“ heißt der neue Heilsbringer; damit sollen sich alle Probleme lösen lassen. Eine Vervielfachung der Datenmenge bei gleichzeitiger Hochgeschwindigkeitsverarbeitung — so lautet die Zauberformel, oder, wie es die Autoren Cukier und Mayer-Schönberger in ihrem reißerischen Buch „Big Data“ aus dem Jahre 2013 ausdrücken, „durch Recherche und Kombination in der Datenflut werden blitzschnell Zusammenhänge entschlüsselt ... . Kurzum „eine Revolution, die unser Leben verändert“. Solche Wort- und Satzhülsen haben natürlich das Zeug zum Bestseller, wecken beim Laien und auch so manchem Doktor überzogene Hoffnungen — und Politik und Wirtschaft wittern Morgenluft und den großen Reibach. Leider gerät auch so mancher Ärztefunktionär leichtfertig ins Schwärmen und sieht, wie etwa Franz Bartmann von der Bundesärztekammer „das Smartphone des Patienten als das Stethoskop des 21. Jahrhunderts“.

Nüchterner geht die Wissenschaft das Thema an: „Für die optimale Behandlung der Patienten gilt: Big Data — Big Error. Mehr Daten sind nicht unbedingt besser, sondern können auch in die Irre führen“, zitiert die Süddeutsche Gerd Antes, Direktor des deutschen Cochrane-Zentrums und des Instituts für Biometrie und medizinische Informatik der Universität Freiburg. Wer meint, Datenvielfalt führt automatisch zu klaren Aussagen, unterliegt einem Irrglauben. Gute Beispiele sind die jüngsten Skandale um Facebook und Uber. Aber auch in der Medizin bedeutet mehr Information eben auch mehr potenziell falsch positive Informationen, die überflüssige Zusatzuntersuchungen nach sich ziehen und die Menschen unnötig verunsichern. Ein Mehr an Datenmenge ist gerade nicht automatisch gleichzusetzen mit einem Mehr an sinnvoller Zusatzinformation, wie uns das einige Traumtänzer weismachen wollen!

Ein weiterer, vielfach völlig ausgeblendeter Aspekt im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist die Datenfülle, die über Gesundheitsapps aquiriert wird. Hier öffnet man dem Missbrauch Tür und Tor. Längst haben nicht nur Internetkonzerne wie Apple und Amazon den Wert dieser „tools“ erkannt; Apple will seine Geräte bereits mit einer Gesundheitsakte ausrüsten; natürlich alles zum Wohl des Patienten. Amazon wiederum plant, gemeinsam mit Berkshire Hathaway und der Investmentbank JP Morgan eine Krankenkasse zu gründen; dank niedriger Versicherungsprämien werde man damit zunächst auch keinen Gewinn machen. Im Gegenzug gibt es natürlich gratis die Gesundheitsdaten von großen Teilen der Bevölkerung, die sich wunderbar vermarkten lassen, so das Kalkül der vermeintlichen „Gutmenschen“. Wie hieß es doch so schön auf den Wahlkampf-Plakaten des Herrn Lindner im letzten Jahr: „Digitalisierung ja — Kontrolle nein“; etwas Dämlicheres hat man selten gelesen, nicht einmal von deutschen Politikern. Wohin eine derartig naiv-hypertrophe Denkweise führen kann, hat uns die Truppe um Herrn Zuckerberg vor Kurzem erst wieder demonstriert und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Fazit : Digitalsierung ja, aber mit Augenmaß und kontrolliert!

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