HNO Nachrichten

, Volume 48, Issue 2, pp 44–44 | Cite as

Unerwünschte Wirkungen

Gleichgewichtsstörungen: Ist die Gentamicin-Therapie schuld?

  • Klaus Mörike
Medizin aktuell Consilium HNO
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Frage: Eine sehr betagte Bekannte von mir hat nach einer Gentamicin-Therapie im vergangenen Sommer Gleichgewichtsstörungen, die sie sehr belasten.
  1. 1.

    Sind solche Nebenwirkungen bei Gabe von Gentamicin bekannt?

     
  2. 2.

    Wie verhält es sich mit anderen Aminoglykosiden (z. B. Tobramycin)?

     
  3. 3.

    Wird diese Störung nun dauerhaft bleiben?

     
  4. 4.

    Gibt es ein Medikament, mit dem dieser Patientin geholfen werden kann, damit sie ihre Selbständigkeit im Alltag zurückerhält?

     

Antwort zu 1.: Ja, sowohl Ototoxizität als auch Nephrotoxizität systemisch angewandter Aminoglykosid-Antibiotika sind bekannt. Die beiden unerwünschten Wirkungen sind dosisabhängig — oder genauer — konzentrationsabhängig. Auch die Gesamtdauer der Behandlung scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Teile der Ototoxizität sind die cochleäre (Hör-)Funktion und die vestibuläre Funktion. In der Fachinformation für Gentamicin-Infusionslösung heißt es: „Die Vestibularisschädigung stellt die häufigste ototoxische Reaktion dar.“ Gleichgewichtsstörungen können eine Manifestationsform der vestibulären Funktionsstörung sein. Andere etwaige Ursachen einer Gleichgewichtsstörung sollten bei den differenzialdiagnostischen Überlegungen berücksichtigt werden. Ein wichtiges, wenngleich allein nicht zwingend beweisendes Argument für einen Kausalzusammenhang mit einer medikamentösen Ursache ist der zeitliche Zusammenhang: Haben die Gleichgewichtsstörungen während oder bald nach der ototoxischen Behandlung begonnen?

Neben der Dosis, Konzentration und Behandlungsdauer mit dem Aminoglykosid sollte man auch die Komedikation betrachten. Ist z. B. ein Schleifendiuretikum (wie Furosemid, Torasemid), insbesondere intravenös und in hoher Dosis, während oder in enger zeitlicher Beziehung mit der Aminoglykosid-Therapie zur Anwendung gekommen? Schleifendiuretika verstärken offenbar deren Toxizität.

Gleichwohl können therapeutische Situationen entstehen, in denen die Verwendung von Aminoglykosid-Antibiotika sinnvoll, ja sogar geboten ist. Mehr noch: Das kann auch für eine längerdauernde Therapie zutreffen und unter Kenntnis der Risiken sowie bewusster Inkaufnahme z. B. der genannten Verstärkung unerwünschter Wirkungen durch Interaktionen mit Schleifendiuretika der Fall sein.

Zu 2.: Es ist bei der Ototoxizität von einem Klasseneffekt, d. h. alle Aminoglykosid-Antibiotika betreffend, auszugehen. In der Vergangenheit sind zwar Hinweise berichtet worden, wonach sich das Profil und die Verteilung zwischen Nephro- und Ototoxizität der verschiedenen Aminoglykosid-Antibiotika unterscheiden könnten. Relevante Unterschiede sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht anzunehmen.

Zu 3.: Zur Reversibilität bzw. Irreversibilität der Ototoxizität von Aminoglykosiden finden sich keine einheitlichen Angaben. Xie et al. [1] sprechen von irreversiblem Hörverlust: „Ototoxicity induced by aminoglycosides manifests as irreversible bilateral sensorineural hearing loss beginning at high frequencies (cochleotoxicity) or as any combination of vertigo, nausea, vomiting, nystagmus, and ataxia (vestibulotoxicity).“

Zu 4.: Eine spezifische Behandlung ist nicht ersichtlich. Reiss & Reiss [2] schreiben: „Bei Gleichgewichtsstörungen ist ein Training des Gleichgewichtsapparates indiziert.“

Ob Antivertiginosa (Rote Liste Kapitel 14) einen symptomatischen Nutzen bringen können, ist unklar. Dies könnte dann vorstellbar sein, wenn Schwindel am Gesamtbild substanziell beteiligt ist.

Zitierte Literatur

  1. 1.
    Xie J, Talaska AE, Schacht J. New developments in aminoglycoside therapy and ototoxicity. Hearing Research 2011, 281, 28e37.CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Reiss M, Reiss G: Ototoxizität von Aminoglykosidantibiotika. Praxis 2003; 92: 127–133.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Klaus Mörike
    • 1
  1. 1.Abteilung Klinische PharmakologieUniversitätsklinikum TübingenTübingenDeutschland

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